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Vietnam leben, lieben & entdecken /// Kapitel 3

KAPITEL 3 /// Hochzeit auf dem Land


Das Video zum Reise-Blog "Vietnam"

Nicht verpassen! Zu unseren Erzählungen liefern wir euch jetzt auch exklusives Videomaterial um euch zu den gedanklichen Bildern aus unseren Texten auch die Realität präsentieren zu können. Viel Spaß!


Wenn einmal nicht die Braut im Mittelpunkt steht! Cụng ly („Prost“)

 

Willkommen zurück zum Reisetagebuch meiner Frau Hằng Nga und mir, Michael, dem Verfasser dieser Zeilen. Es freut uns, euch mit den ersten beiden Teilen bereits in den zauberhaften Bann eines für uns Europäer noch etwas unbekannten Landes gezogen zu haben. Immerhin befinden wir uns nun schon im dritten Teil unserer Erzählung. Wir hoffen ihr habt weiterhin Spaß daran uns auf der Reise durch den Norden und mittleren Teil Vietnams zu folgen, um Land und Leute besser kennen und verstehen zu lernen.

 

Nach der Vorstellung des familiären Lebens (Teil 1) und einigen Tagen Natur und Kultur in den Bergen von Tam Đảo (Teil 2), begeben wir uns nun in einen Teil unserer Reise, den ich persönlich als den größten Schritt auf die vietnamesische Kultur und Lebensweise zu, bezeichnen möchte. Während Hằng Nga noch die wärmende Hand der sicheren Kinderwiege zu spüren schien, begab ich mich mit der Ankunft im Dorf ihrer Geburt und Herkunft an den für mich am weitesten entfernten Punkt außerhalb meiner Komfortzone. Meine Frau hatte es bis hierhin schon recht geschickt eingefädelt und steuerte mich unwissend in den ersten Tagen nach unserer Ankunft gezielt vom „gehobenen Standard“ zum „bescheiden traditionellem Leben“. Bis dahin konnte ich mich mit jeder Situation recht schnell anfreunden, fegte doch die familiäre Liebe die einem entgegen gebracht wurde, jedwede Zweifel im Nu davon.

Nach einer ca. 2-stündigen Autofahrt von Vĩnh Yên nach Liên Châu befanden wir uns also inmitten des einfachen Dorflebens der traditionell vietnamesischen Gemeinde Yên Lạc. Ich muss sagen, dass ich sehr gespannt darauf war, den Ort der Geburt meiner Frau kennen zu lernen und zu erforschen. Trotz aller Abenteuerlust müsste ich aber lügen, würde ich behaupten ganz unvoreingenommen anzureisen. Soviel sei gesagt: Meine Sorgen um die sanitären Einrichtungen sollten nicht die einzigen Baustellen bleiben die mich in den ersten Momenten beschäftigten würden.

Ein wenig Sicherheit und Vertrauen reiste zu meinem Glück mit uns. Wir kamen schließlich nicht allein den weiten Weg aus Vĩnh Yên raus aufs Dorf. Hằng Nga's Cousin Tuấn mit seinen beiden Jungs sowie seiner Frau Minh Ngọc brachten uns und blieben bei der Ankunft noch eine Weile zu Besuch. Schließlich wohnten wir nun bei den Eltern von Tuấn, den ich über die kurze Zeit bereits ins Herz geschlossen hatte. Hilfsbereit wie die meisten Familienmitglieder die ich bis lang kennenlernen durfte, kümmerten sich alle Anwesenden so gut es ging um die finalen Vorbereitungen für unsere Hochzeitsfeier, die für den nächsten Tag angesetzt war. Der Hof in dem wir uns befanden verbindet zwei Grundstücke. Nga's Tante Sinh und ihr Onkel Bằng bewohnen seit jeh' her eine Hälfte des mittlerweile zusammengewachsenen Gebäudekomplexes. Die andere Hälfte stellte vor Jahren noch das Elternhaus meiner Frau dar. Anhand der Bauart erkennt man sofort, dass sich das Leben hier zum großen Teil im Freien abspielt und die Wohn- und Schlafräume den einfachen Anliegen wie Schlafen, Kochen und Beten vorbehalten sind. Gleich nach Ankunft auf dem Hof lernte ich Tante und Onkel kennen. Letzterer bat wie gewohnt direkt zur Tee-Runde unter den anwesenden Männern. Während ich Nga direkt aus den Augen verlor, versuchte ich mal wieder meinen “Charm“ spielen zu lassen und gesellte mich mit sichtlich falsch akzentuiertem Xin chào („Guten Tag“) zur Herrenrunde. Wie üblich verstand ich rein gar nichts vom Gerede um mich herum. Sehr wohl verstand ich aber die Gesten und Mimik der Herren gegenüber zu lesen. Die Fragen drehten sich offensichtlich um mich und meine bisherigen Erlebnisse in Vietnam. Einzig das recht harte und freudlos wirkende Gesicht vonOnkel Bằng blieb mir zunächst ein Rätsel.

 

Mochte er mich aus irgendeinem Grund nicht? Schaut er immer so finster drein?

 

Wie üblich konnte ich mich auf meinen neuen Vertrauten Tuấn verlassen, der mich merklich in Schutz vor den löchernden Fragen nahm und mich von meiner besten Seite vorstellte. Wenig später gestellte sich ein mir nicht unbekanntes Gesicht zur Runde. Ich weiß noch wie ich dachte: „Na endlich jemand mit dem ich wirklich reden kann“. Allein dieser Gedanke sollte zumindest meiner Familie daheim in Deutschland zeigen, wie wenig ich doch mit den meisten Vietnamesen reden konnte und wie sehr mir ein Gesprächspartner in der Runde gefehlt haben muss. Mein lieber Schwiegervater Lam kam aus einem der Schlafräume hinaus in den Hof und setzte sich an meine Seite.

 

Was daran nun so ungewöhnlich war?

 

Meine Familie wird es beim lesen dieser Zeilen bereits ahnen. In Deutschland scheint ein Gespräch zwischen uns kaum zielführender zu sein, ist doch mein Vietnamesisch ungefähr ebenso fundiert wie Lam's Fertigkeiten fließend Deutsch zu sprechen. Doch hier, inmitten von Vietnamesen die nun gar kein Wort Deutsch oder Englisch sprechen - ausgenommen von Tuấn – wirkte ein Zwiegespräch zwischen meinem Schwiegervater und mir flüssiger denn je. Ich möchte fast behaupten, dass wir uns in den nächsten Tagen inniger und intensiver miteinander unterhalten hatten, als in unserer gesamte Zeit in Deutschland - darauf sollten wir weiter aufbauen.

 

Nun hatte ich also bereits zwei Vertraute an meiner Seite, so dass das Gespräch dann doch noch Form und Inhalt annahm. Man nahm mich auch hier herzlich auf und es dauerte nicht lang, da verstand ich auch die versteinerte Miene von Onkel Bằng zu lockern. Um so schöner waren jene raren Momente in denen auch er sich ein herzhaftes Lachen nicht mehr verkneifen konnte.

Wenig später fand sich auch meine Frau wieder an. Um ein wenig Zeit bis zum Abendessen totzuschlagen (ja, auch auf dem Dorf scheint das Essen mal wieder die Hauptattraktion des Tages zu sein) schlug sie einen kleinen Ausflug auf zwei Räden vor. Onkel Bằng rollte einen nicht mehr ganz taufrischen Roller aus der Ecke und erklärte uns kurzum die Handhabung des Geräts. Ich freute mich schon darauf nun endlich auch einmal Teil dieses verrückten Verkehrs in Vietnam zu werden. Da sich hier draußen auf dem Land jedoch mehr Rinder und Hühner auf den Straßen bewegten als PKW's oder Roller, fiel der Einstieg in die vietnamesische S.T.V.O. nicht sonderlich schwer.

 

Regel Nummer Eins: Hupen was das Material hergibt! Um Himmelswillen nicht das Hupen vergessen! Vor einer Kreuzung, hinter einem Fahrzeug das man überholen möchte, hinter der alten Oma 100 Meter voraus, vor der Palme am Wegesrand und besonders beim Durchfahren des Bauernmarktes. Immerhin falle ich als einziger Europäer im Umkreis von 100 Kilometern ja nicht schon genug auf.

Es hatte schon etwas Befreiendes und Wohlbefindliches so gedankenlos über die umliegenden Dörfer zu fahren. Der angenehme Fahrtwind, die Weite der Reisfelder und die Leichtigkeit des Seins ließen uns die Umgebung in einem ganz eignen Glanz wahrnehmen.

 

Deutschland war in diesem Moment weiter weg denn je. Meine Skepsis über diesen für mich als Standkind so befremdlichen Ort verflog mit jedem Meter. Hier zählten ganz klar die kleinen Gesten, die einfachen Momente im Alltag und ganz besonders der Zusammenhalt der Gemeinde und Familie.


Dies merkte ich ganz besonders als wir die Straßen innerhalb des Dorfes abfuhren und Nga an jedem 10. Haus alte Freunde der Familie antraf, die sich sichtlich über unseren Besuch und die anstehende Feier freuten.

 

So verbrachten wir einige Zeit bis wir schließlich an einem Tempel, etwas außerhalb des Ortes vorbeifuhren. Selbstverständlich musste ich mir diesen etwas genauer anschauen. Bereits von Weither gut zu sehen, war der große Turm der Tempelanlage Chùa Biện Sơn, der sich über mehrere Etagen in den Himmel bohrte. Die Weitläufigkeit und Schönheit der Anlage erschließt sich jedoch erst bei näherer Betrachtung.

Quelle: https://www.skyscrapercity.com/showthread.php?p=141884979
Quelle: https://www.skyscrapercity.com/showthread.php?p=141884979

Nach all den bislang besichtigten Tempelanlagen staunte ich nicht schlecht, angesichts der Vielfältigkeit und Individualität die jeder dieser Tempel mit sich brachte. Kein Tempel glich einem Anderen, was mich immer wieder faszinierte und dazu bewegte jeden noch so kleinen Winkel genauestens zu inspizieren. So entdeckte ich neben dem wohl gigantischsten Holztisch den ich je in meinem Leben gesehen hatte auch kleine Anwohner wie die Schildkröten in den kleinen Teichen der Anlage und eine meterhohe, goldene Buddha-Statue auf einer Anhöhe oberhalb des Tempels, die über das gesamte Gelände zu wachen schien. Die auffälligste Reliquie des Tempels war jedoch weder eine Buddha-Statue, noch der architektonisch imposante Gebetsturm. Eine knallrote, gut gepflegte Simson, die hier ebenso fehlplatziert wirkte wie ich mich hin und wieder vor kam, erweckte mein Interesse. Wir Deutschen hinterlassen eben auch dort Spuren wo wir es am wenigsten ahnen.




Auf dem Weg zurück ins Dorf vielen mir zahlreiche bunt geschmückte Zelte entlang der Straßen auf, die mich stark an den auffällig dekorierten Hof ihres Geburtshauses erinnerten. Meine Frau erklärte mir, dass dies Festzelte seien, in denen die meisten Hochzeitsfeiern abgehalten werden. Ich wahr ganz Ohr und erhoffte mir schon einmal vorab ein paar wichtige Informationen für unsere eigene Feier zu erschleichen. Da die meisten Hochzeitsgesellschaften mit einer Besucherzahl jenseits der 100 Personen - eher mit 200 bis 300 – rechnen dürfen, reicht oft der Platz auf dem eigenen Grundstück nicht aus, so dass man kurzerhand in besagte Zelte ausweicht, die inmitten der Straßen errichtet werden.

 

Da ich bis dahin noch nicht recht abschätzen konnte wie viele Gäste wir auf unserer Feier erwarten durften, stellte ich mich auf den ungünstigsten Fall ein. Ich hatte mich schon ein Jahr zuvor etwas mit dem Thema „Hochzeit in Vietnam“ auseinander gesetzt und wusste in etwa was so eine komplette Zeremonie mit sich bringt.


Jetzt kannst du wieder etwas dazulernen. Aufgepasst!

Die traditionelle Hochzeit in Nordvietnam - Und du dachtest wir in Europa machen uns zu viel Stress? Weit gefehlt!

Im Gegensatz zu Hochzeiten in europäischen Ländern, müssen Vietnamesen im Rahmen einer traditionellen Hochzeit zahlreiche Phasen vorbereiten und beschreiten. Während bei westlich geprägten Hochzeitsfeiern oft nur im Kreise der engsten Familie und besten Freunde gefeiert wird, ist für die Vietnamesen eine große Hochzeit beinahe Pflicht. Hier feiern neben der vollständigen Familie und den Freunden auch Arbeitskollegen, Geschäftspartner und Nachbarn mit. Auf Grund der selten Gelegenheit in einer vergleichbaren Runde zusammen zu kommen, werden der Hochzeitstag und oft auch einige Tage davor für zahlreiche Rituale genutzt, die ihren Ursprung weit in der Geschichte haben.

 

Seit ältesten Zeiten wird der Hochzeit eine große Bedeutung beigemessen. Ein Meilenstein nicht nur für die Familie und das Brautpaar sondern auch für Nachbarn und Bekannte, einfach für alle Personen, die eine Beziehung mit der Familie des Ehepaares pflegen. Im Durchschnitt zählt man zwischen 300 und 600 Gäste auf einer vietnamesischen Hochzeit. Solche Feste werden nicht selten über ein Jahr oder länger von vielen Familienmitgliedern vorbereitet. Doch es braucht nicht nur viel Zeit, auch eine Menge Geld um den Bund der Ehe einzugehen. Nicht selten übersteigen die Kosten für eine Hochzeit in Vietnam das Jahrseinkommen um ein Vielfaches. Ein Grund, aus dem aufwendige Geschenke wie wir sie von deutschen Hochzeiten kennen, kaum eine Rolle spielen. Man schenkt einen Umschlag mit Glückwünschen an das Brautpaar nebst einer angemessen Geldsumme. Anstelle von Geld sind auch Goldgeschenke wie Ringe, Halsketten oder Armreifen für die Braut sehr beliebte Gaben der Gäste.

 

Aber zurück zum Verlauf der Phasen bis hin zur eigentlichen Feier.

 

 

Lễ dạm ngõ - Der Antrag

Wie wir es auch aus Deutschland kennen beginnt die Planung zumeist mit dem Heiratsantrag, in Vietnam „Lễ dạm ngõ“ genannt. Anders als wir es kennen, begeben sich hierbei die Eltern des Mannes zum Haus der Eltern der Frau um mit ihnen über die Planung der Hochzeit zu sprechen.

 

 

Le An Hoi – Die Verlobung

Die vietnamesische Verlobungszeremonie als Bestandteil der Traditionen und Kultur ist eine wichtige Zeremonie vor der Hochzeit in Vietnam, an der die Familien von Braut und Bräutigam beteiligt sind. In der Vergangenheit hielt man die Verlobung für besonders wichtig, sogar wichtiger als die Hochzeit selbst, denn die Verlobung galt als Tag der offiziellen Ankündigung der Hochzeit und damit als der Beginn der Beziehung zwischen beiden Familien. Heutzutage hat sie an Bedeutung verloren und variiert je nach Region. In Großstädten kann die Verlobungszeremonie einen Tag vor der Hochzeit stattfinden, auf dem Land einen Monat vorher. Der Zeitpunkt der Zeremonie ist dabei nicht wahllos festgesetzt. An Hand des Mondkalenders und den Geburtsdaten beider Kinder wird eine glückverheißenden Uhrzeit an einem glückverheißenden Tag errechnet an dem die Familie des Bräutigams die Hochzeitsgeschenke zum Haus der Braut bringt. Hierbei fragen die Eltern des Mannes offiziell nach dem Einverständnis der Braut-Eltern. Die Geschenke werden mehrere Tage vor der Verlobungszeremonie von der Familie des Bräutigams vorbereitet. Traditionell wurden die Geschenke auf mehrere Tabletts gelegt. Die Anzahl musste ungerade sein - fünf, sieben oder neun… dies war abhängig von der finanziellen Lage der Familie des Bräutigams. Die Geschenke werden mit rotem Papier oder Stoff bedeckt. Nach dem vietnamesischen Volksglauben bringen ungerade Zahlen und die Farbe Rot dem jungen Paar Glück. Die Geschenke beinhalten Betelblätter, Arekafrüchte, Wein, Tee, Mann-Frau-Kuchen und Klebreis.

Quelle: http://www.reisennachvietnam.net
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Nach der Annahme der Geschenke betet das junge Paar vor dem Familienaltar der Braut und bittet um die Zustimmung ihrer Ahnen zur Hochzeit. Nach Beendigung dieses Rituals übergibt der Bräutigam der Braut den Verlobungsring. Im Anschluss an die Übergabe des Verlobungsrings stellen die Vertreter beider Familien alle Familienmitglieder der Reihe nach vor. Danach amüsieren sich beide Familien auf der Feier, die die Familie der Braut vorbereitet hat. Ebenso wird erwartet, dass einige Geschenke der Familie des Bräutigams zurückgegeben werden, bevor sie die Feier verlässt, da dies Glück bringen soll.

 

 

Ngày Cưới - Der Hochzeitstag

Am eigentlich Tag der Hochzeitsfeier gibt es wieder so einige Schritte zu befolgen um dem Glück in der Ehe sicher zu sein. Meist erstrecken sich die Zeremonien über den gesamten Tag, so dass schon früh mit der ersten begonnen wird. Dazu bringt die Mutter des Bräutigams und ein weiteres Familienmitglied erneut Betelblätter und Arekafrüchte zum Haus der Braut um der Familie mitzuteilen, dass der zukünftige Ehemann auf dem Weg zu ihnen ist.

Quelle: http://www.marry.vn
Quelle: http://www.marry.vn
Quelle: http://www.reisennachvietnam.net
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Anschließend werden ein paar Worte vom erwählten Sprecher der Familie des Mannes gesprochen, die darauf abzielen, erneut die Erlaubnis der Braut einzuholen, sie vom Bräutigam abholen zu lassen. Nachdem das Hochzeitspaar vereint ist, richtigen die Eltern erneut die Worte an ihre Kinder um ihnen ihre Erfahrungen und Hinweise für die Ehe mitzugeben und um ihnen ein glückliches Leben zu wünschen.

 

Nun begibt sich das Paar zurück zum Haus des Bräutigams um vor dem Altar gemeinsam Räucherstäbchen anzuzünden und somit die Vorfahren zu grüßen. Zu guter Letzt begeben sich alle Familienmitglieder, das Brautpaar und alle geladenen Gäste zum Veranstaltungsort der Hochzeitsfeier, wo nun der feierliche Teil der Hochzeit beginnen kann.

 

Die Abfolge und Art der Rituale kann sich von Provinz zu Provinz unterscheiden, im Wesentlichen kann man sich eine traditionelle Hochzeit aber in etwas so vorstellen.


Da mit der Beziehung zwischen meiner Frau und mir jedoch von Grund auf schon ein großer Keil in die traditionelle vietnamesische Lebensweise getrieben ist, konnte ich mich gelassen zurücklehnen, angesichts unserer eigenen „kleinen“ Feier. Wie ich bereits an Hand der Größe des Zeltes inmitten des Hofes am Elternhaus erahnen konnte, durfte man davon ausgehen, dass keine Gästezahl jenseits der 100 zu erwarten war. Da wir ein Jahr zuvor bereits eine große und nicht wenig aufwendige Feier in Deutschland abhielten, war eine umfangreiche Feier in Vietnam aus Sicht unserer Eltern nicht weiter von Nöten. So entschloss man sich, auf das ganze Prozedere vorab zu verzichten und ging direkt zum spaßigen Teil über - der reinen Geselligkeit mit Unmengen an vietnamesischen Köstlichkeiten, Schnaps und den verfügbaren Freunden, Familienangehörigen und Nachbarn.

 

Ich befürchte ich hatte es bis hierhin noch gar nicht erwähnt. Meine Schwiegereltern waren so frei uns ungefähr 5 Tage vor unserem geplanten Reiseantritt mit der Tatsache zu überraschen, dass sie zwei kleine Hochzeitsfeiern in ihren Heimatdörfern für uns organisiert hatten und dass die gesamte Familie von Deutschland aus mit nach Vietnam reisen wird. Zunächst wusste ich zugegebenermaßen nicht ob ich lachen oder weinen sollte – natürlich überwog die Freude über Ihre Initiative und die Chance mich auch den Familienteilen vor Ort vorzustellen. Zugleich befürchtete ich jedoch, dass ich die oben genannte Rituale durchexerzieren müsste. Nicht dass es mir keinen Spaß bereitet hätte oder ich die traditionelle Heiratskultur nicht respektieren würde – ich hatte eher Bedenken auf Grund der Sprachbarriere während der Zeremonien Fehler zu machen.

 

Meine Zweifel sollten sich als absolut unnötig zerschlagen.

Mein innerer Junggesellenabschied - Nach der Feier ist vor der Feier.

Gegen Abend des ersten Tages auf dem Dorf, folgten wir einer spontanen Einladung einiger ehemaliger Klassenkameraden meiner Frau zum Abendessen. Die meisten von ihnen kannte ich noch vom ersten gemeinsamen Treffen einige Tage zuvor in Vinh Yen. Wir holten also erneut den Roller hervor und machten uns bei Sonnenuntergang auf den Weg in den nächst größeren Ort der Provinz. Hier betreibt Giang, einer der jungen Herren der "Ehemaligen-Gruppe", ein eigenes Restaurant in das er die gesamte Gruppe einlud. Etwas abseits des großen Gastraumes machten wir es uns an zwei großen und reich gedeckten Tischen in einer der oberen Etagen bequem. Wie zumeist üblich trennte sich die Gruppe in einen Herren- und einen Damentisch auf. Da ich die meisten der Gruppe ja nun schon ein paar Tage kannte, viel es mir nicht sonderlich schwer mich in diese zu integrieren. Wenn es ums Essen und Trinken geht, bedarf es ja zum Glück nicht vieler Worte.

 

Noch bevor ich mich zum ersten Mal am Tisch setzen konnte, wurde die erste Runde Reisschnaps herumgereicht. Der Spaß konnte beginnen. Wie üblich versuchten sich die Herren durch die Verklappung möglichst vieler Schäpse in Stimmung zu bringen und ihre Trinkfestigkeit unter Beweis zu stellen. Speziell mir gegenüber schien es bei einigen der Jungs in eine Art Wettkampf auszuarten. Die deutsche Trinkfestigkeit scheint in Asien sagenumwoben und galt nun bestätigt zu werden. Am Ende jeder Schnaps-Runde wurde sich höflich und dankend die Hand gereicht, was schnell eine sehr innige Beziehung untereinander aufbaute. Trotz Verständigungsprobleme fühlte ich mich sehr willkommen und akzeptiert. Giang, der Chef des Hauses stellte mir jede einzelne Komponente des Abendessens vor und erklärte mir die Besonderheiten des „Hot Pot“ Essens.

 

Dabei stehen sämtliche Zutaten wie Gemüse, Fisch und Fleisch portioniert auf dem Tisch und werden nach und nach in einen großen Topf mit kochendem Sud gegeben. Ähnlich unserem deutschen „Raclett“ kann jeder Gast individuell für sich Zutaten in den Sud geben und diese frisch gekocht entnehmen. Die Ganze Prozession regte das Interagieren und Reden mit der Gruppe stark an, was das Essen durchaus zu einem interessanten Spektakel macht.


Die Damen am Nebentisch taten das gleiche, lediglich der Alkohol wurde hier in Maßen statt in Massen genossen. Der Lärmpegel stand dem unseres Tisches dennoch in nichts nach. Nach einem gewohnt köstlichen Mahl machten wir uns in der Gruppe noch auf den Weg zu einer kleinen Straßenbar um den Abend dort etwas ruhiger ausklingen zu lassen. Die Stimmung wurde deutlich entspannter und die Damen mischten sich wieder unter uns.

Bei einem vietnamesischen Kaffee, tief versunken in meinen Stuhl genoss ich den Moment und beobachtete gespannt das Geschehen auf der Straße neben uns sowie das heitere Miteinander von Nga und ihren Freunden. Es war bereits kurz vor Mitternacht als wir uns schließlich auf den Weg zurück nach Haus machten.

 

Wer einmal in solch einer angenehm warmen Nacht auf einem Roller entlang einsamer, endloser Reisplantagen gefahren ist, den Fahrtwind am ganzen Körper spürend und mit der geliebten Frau auf dem Rücksitz, umschmiegt von ihren Armen, der hat endlich erfahren was Freiheit und Glück wirklich bedeuten.

 

Glücklich und erschöpft am Haus angekommen, machten wir uns schnell frisch und gingen zu Bett. Die Müdigkeit ließ uns schnell vergessen, dass die Betten hier im Dorf noch nach alter Bauart aus einem Bretterunterbau und einer darüber liegenden Bambusmatte bestanden. Wir schliefen dennoch schnell ein und freuten uns auf den nächsten Tag der schließlich die erste von zwei Hochzeitsgesellschaften mit sich brachte.

 

Sprichwörtlich mit den Hühnern begann der nächste Tag. Früh am Morgen wurden wir vom Geraschel, Geräume und Geklapper der fleißigen Helfer geweckt. Die Tische und Stühle wurden gerade aufgebaut als wir unsere Köpfe aus dem Zimmer streckten...

... die Uhr zeigt 6:30 Uhr. Ich will es kaum wahrhaben und drehe mich noch einmal um. Nga nutzte die Zeit und begann sich auf die Feier vorzubereiten. Schminken, einkleiden und frisieren kann hier schon ein paar Stunden in Anspruch nehmen, das kannte ich ja schon von daheim. Ich für meinen Teil nahm in meinem Schlummermodus nun doch deutlich wahr, wie unbequem die Betten waren. So ein Brett ersetzt eben doch keine ordentliche Matratze.

 

Etwas gerädert und zerknirscht entschloss ich mich dann gegen 7:30 das Nagelbett zu verlassen und machte mich ebenfalls frisch für die Feier. Nach Toilette und Dusche begab ich mich in die Küche, hoffend etwas essbares zu finden. Ich ahnte schon, dass es bis zum ersten Schnaps nicht mehr lang hin war, also wollte ich mir etwas Grundlage schaffen. In der Küche fand ich alles was das Herz begehrte. Vielleicht sogar zu viel.

 

Ich liebe Hunde - ich würde nur keinen ganzen schaffen. Klischee oder nicht? Essen alle Vietnames Hundefleisch?

 

Während ich mit einer Schale Reis und etwas Hühnerfleisch am Tisch saß, gesellte sich Schwiegerpapa dazu und empfahl mir auf eine auffällig geheimnisvolle Weise eine besondere „Delikatesse“. Es handelte sich eindeutig um Fleisch, jedoch hatte ich dieses so noch nie gesehen. Als mein Schwiegervater kurz darauf auch gleich wieder die Küche verließ fragte ich Hang, die große Schwester meiner Frau, die sich wenige Sekunden zuvor mit an den Tisch setzte – ebenfalls auf der Suche nach etwas Essbarem. Mein Schwager Hoan, Hang und Bella, die kleine Tochter der beiden kamen erst spät in der Nacht im Dorf an. Sie hatten eine längere Reise aus dem Süden Vietnams hinter sich und wollten das Fest natürlich nicht verpassen.

 

Skeptisch wie ich hin und wieder bin, insbesondere wenn es um nicht definierbares Fleisch geht, fragte ich Hang also was ich denn da von ihrem Vater aufgetischt bekommen hatte. Ihre spontane Reaktion sollte meine erste Idee direkt bestätigen. Es ranken sich ja viele Klischees um das vietnamesische Volk – eines davon ist die Behauptung, dass man in Vietnam Hundefleisch isst. Dies konnte ich nun eindeutig bestätigen. Ich wusste natürlich schon von meiner Frau, dass es in den dörflichen Regionen auch heute noch normal ist, Hundefleisch zu servieren. Allerdings stirbt diese „Delikatesse“ mit den jüngeren Generationen allmählig aus. Ich legte das Stück Fleisch zurück und war froh meiner Intuition gefolgt zu sein.


Die Feier sollte 9:30 Uhr in der Früh beginnen. Um 8:30 standen bereits die ersten Gäste im Hof. Während sich meine Frau noch immer aufhübschte und sich parallel um ihre Schwester und Mutter kümmerte, schnappte ich mir meine Kamera und hielt das Treiben für euch, die diese Zeilen heute lesen, fest.

 

Mein Schwager Hoan gesellte sich dazu und wollte mir die Arbeit mit der Kamera abnehmen. Er erklärte sich bereit die Gäste vor der schön dekorierten Fotowand für uns abzulichten. Kaum dass er mir dieses Angebot unterbreitet hatte, nahm mich mein Schwiegervater zur Seite und stellte mir die ersten Gäste vor. Nach einer kurzen und mittlerweile formal korrekten Begrüßung meinerseits wurde ich direkt zum Top-Model erklärt. Jeder Gast wollte sich bei Ankunft direkt mit mir und meiner angeheirateten Familie fotografieren lassen, was dem armen Hoan keine ruhige Minute ließ.

 

Erst als schließlich auch der letzte der ca. 80 Gäste den Weg vorbei an der Fotowand hin zum Esstisch gefunden hatte, konnten wir uns endlich entspannt unter das Volk mischen. Neben unzähligen Cousins und Cousinen, Tanten und Onkels, Omas und Opas waren auch viele Nachbarn aus dem Dorf anwesend um mit uns zu feiern. Auch die "Ehemaligen-Runde" vom Vorabend hatte sich bereits einen Tisch gesichert und ließ bereits die Flasche Schnaps wandern. Ein herrlich buntes Treiben spielte sich unter meinen Augen ab. Jeder Tisch bot seine ganz eigene Geschichte und war mit allerlei Speisen und Getränken reich gedeckt.


Bevor Nga und ich allerdings endlich etwas von diesen Köstlichkeiten probieren konnten, mussten wir noch der bereits von unserer Hochzeitsfeier in Deutschland bekannten Tradition folgen und mit jedem Gast anstoßen. Mit Hoan und der Kamera im Schlepptau, machten wir uns also mit Schwiegerpapa auf den Weg von Tisch zu Tisch, um mit jedem Gast persönlich anzustoßen und sich mit Glückwünschen die Hand zu reichen. Eine Kunst, dabei nicht schon am zweiten Tisch total betrunken zu sein. Es machte uns jedoch einen riesigen Spaß, da man so tatsächlich mit jeder Person wenigstens einmal in ein kurzes Gespräch kam. Es waren so viele liebe Menschen unter den Anwesenden, dass ich mich schon auf ein weiteres Kennenlernen nach dem Essen freute.


Nga freute sich sichtlich darüber auch ihre Freundinnen aus der Heimat wieder sehen zu können und wollte diese anschließend nicht mehr gehen lassen. Man hätte weinen können, angesichts der Freude die vielen der Gäste ins Gesicht geschrieben stand. Einige dieser Momente habe ich versucht mit der Kamera für euch fest zu halten. Vielleicht ist es mir ja in Kombination mit diesen Zeilen ein Stück weit gelungen.



Am Nachmittag löst sich die Runde mehr und mehr auf und wir genießen die letzten Momente mit den engsten Freunden, wenn auch wir alle recht k.o. vom vielen Schnaps und Essen waren. Nachdem sich auch der letzte Gast verabschiedet hatte, legten wir uns noch einmal zur Kurzen Nachmittags-Ruhe um am Abend noch einen letzten kleinen Ausflug im Dorf zu machen.

 

Nga's Freunde ließen nicht locker und schienen noch längst nicht genug vom gemeinsamen Feiern zu haben. So entführten sie uns in ein nahegelegenes Café mit eigenen Karaoke-Räumen. Diese sind für sich komplett abgeschlossen und erlauben es kleiner Gruppen ungestört Spaß am Singen zu haben. Eine Welt aus verrückt blinkenden Lampen, Stroboskop- und Schwarzlicht eröffnete sich uns beim Betreten des Raumes. Einige der Jungs waren schon voll in Fahrt und uns fielen so direkt von Beginn an die Ohren ab. Die Akustik war alles andere als Studio-reif, was dem Spaß jedoch keinen Abbruch bereitete. Ich habe meine liebe Frau selten so enthemmt gesehen, als sie sich erst ein Herz und dann das Mikrofon schnappte und eine Rock-Nummer hin schmetterte wie ein „Profi“ - kein besonders guter Profi aber jemand der zumindest den Text auswendig kennt. Ich selbst konnte mich erfolgreich vor einer Gesangseinlage drücken, da die Karaoke-Maschine ausschließlich vietnamesische Songs kannte. Schade (Ironie off)!

 

Überzeugt euch selbst im Video am Ende des Beitrages. Achtung! Ich übernehme keinerlei Haftung für etwaige Höhrschäden!

 

Zu Beginn erwähnte ich ja bereits, dass es sich um ganze zwei Tage Hochzeitsfeier handeln würde. So sollte es auch sein. Bereits am nächsten Morgen machten wir uns mit der gesamten Familie auf den Weg nach Xuân Hòa – diesmal dem Geburtsort meiner Schwiegermutter. So lernte ich nun auch ihren Teil der Familie kennen. Auch hier erwarteten uns ca. 70 Gäste in geselliger Runde. Da sich der Ablauf im Wesentlichen dem des Vortages gleicht, möchte ich an dieser Stelle von einer all zu langen Ausführung der Geschehnisse absehen und lasse allein die Bilder sprechen.

 

Damit war für Hang Nga und mich auch schon der größte Stress des Urlaubes vorbei. Wir wussten zuvor beide nicht genau, was uns erwarten würde. Am Ende waren wir überglücklich über diese Chance die Familie in einem solchen Umfeld treffen und kennenlernen zu können. Dieses Erlebnis hat auch das Familiengefühl auf meiner Seite noch einmal zusätzlich verstärkt und ich weiß nun, dass wir wenn es darauf ankommt, in Vietnam ein zweites zu Haus haben.


Im Wesentlichen verfasse ich diese Zeilen um mir selbst in einigen Jahren die Erinnerung an diese besonderen Tage zurückzuholen. Wenn es aber auch bei Ihnen auf Zuspruch trifft, würde ich mich über Fragen, Anregungen und regen Gedankenaustausch in den Kommentaren sehr freuen.



Dies war auch schon das dritte Kapitel unserer Reise durch Vietnam. Schon bald folgt das nächste Kapitel, in dem es uns für eine intensive Zeit in die Hauptstadt gezogen hat. Es erwartet euch allerlei Geschichte und Kultur aber sehr viel Verrücktes und atemberaubend Schönes.

 

Also, dran bleiben! Bis zum nächsten Mal.

Micha



Das Video zum Reise-Blog "Vietnam"

Nicht verpassen! Zu unseren Erzählungen liefern wir euch jetzt auch exklusives Videomaterial um euch zu den gedanklichen Bildern aus unseren Texten auch die Realität präsentieren zu können. Viel Spaß!


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