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Vietnam leben, lieben & entdecken /// Kapitel 2

KAPITEL 2 /// Thái Nguyên & Vĩnh Phúc

Zwischen vietnamesischem Kitsch und andächtigen Momenten mit Buddah

 

Nach zwei Tagen Eingewöhnung in den vietnamesischen Alltag und liebevollem Bekanntmachen mit der neu angeheirateten Familie standen meiner Frau Hằng Nga und mir viele Wege offen, Vietnam für uns zu entdecken.

 

Wie bereits im 1. Teil unseres Reiseberichts „Vietnam – leben, lieben & entdecken /// Kapitel 1“ vorbereitend erzählt, machten wir uns im März 2018 auf, das Heimatland meiner Frau innerhalb von 3 Wochen für uns zu entdecken. Dabei konzentrierten wir uns vorrangig auf den Norden, rund um die Hauptstadt Hà Nội (Hanoi) und die umliegenden Provinzen, sowie den mittleren Teil des Landes rund um Đà Nẵng.

Straßenlärm, Regen und Bánh bao – wir lieben es trotzdem. Oder: Wo finde ich hier Nutella?

 

Am dritten Tag unserer Reise befinden wir uns noch immer in Thái Nguyên, dem vietnamesischen Wohnsitz meiner Schwiegereltern und deren nahe Verwandtschaft. Der Tag beginnt wolkenverhangen und regnerisch, dabei aber gewohnt angenehm warm. Auf der täglichen Suche nach einem guten Frühstück musste der Blick gar nicht lang schweifen. Bereits wenige Schritte von unserer Unterkunft entfernt hatten wir die Wahl zwischen einer ruhigen kleinen Garküche mit 8 Sitzplätzen direkt an der Straße oder den zahlreichen Kleinküchen innerhalb des nahegelegenen Wochenmarktes. So befremdlich sich beide Optionen in der Realität auch darstellen, machte ich mir hier absolut keine Sorgen um meinen Magen. Die Zutaten waren durchweg frisch und die Köche wussten augenscheinlich was sie dort taten.


Man sollte sich grundsätzlich auf deutlich befremdliche Küchenverhältnisse einstellen, spielt man mit dem Gedanken sich selbst einer kulinarischen und kulturellen Reise durch Vietnam zu stellen. Asien-Reisende werden wissen wovon ich rede. Abschrecken lassen muss man sich davon aber nicht. Sicher, es empfiehlt sich immer zu wissen was man isst. Ein einheimischer Fremdenführer ist an dieser Stelle sicher von Nutzen, hat man nicht gerade eine gebürtig vietnamesische Frau an seiner Seite. Ein von Grund auf solider Magen sollte aber nichts zu befürchten haben. Das Unglück auf falsch zubereitetes Essen zu beißen, kann einen genau so gut in der Heimat treffen – jeder von uns wird dies bestätigen können.

 

Man darf die Möglichkeiten der Zubereitung in vietnamesischen Garküchen jedoch nicht mit denen in europäischen Ländern vergleichen. Der typisch vietnamesische Pragmatismus kann gut ohne Herd und Ofen, ja sogar ohne Thermo-Mix und Mikrowelle auskommen. Eine Feuerstelle tut es zumeist auch und dem Geschmack fehlt es dadurch an nichts – so viel ist klar. Ich möchte behaupten, während der gesamten Reise besser und gesünder gegessen zu haben, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Selten war ich über einen so langen Zeitraum stets energiegeladen, gut gesättigt und dabei nie übersättigt. Schon bei der Abreise fragte ich mich wie ich die nächsten Wochen ohne vietnamesische Küche überleben soll. Bis dahin hatte ich mich wiederum gefragt, wie man denn schon am frühen Morgen Appetit auf herzhafte Warmspeisen haben könne. Spätestens nach diesen 3 Wochen konnte ich die Argumente meiner Frau vollstens nachvollziehen.

 

Sehnsucht nach Nutella, Marmelade und Brot? Keine Spur. Gut – währe dies mein erster Aufenthalt in Vietnam und hätte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht bereits so vertrauten Umgang mit der vietnamesischen (Ess-)Kultur, wäre mir die Umstellung sicher etwas weniger leicht gefallen. Ich fühlte mich sehr gut an mein 10 Jahre jüngeres Ich erinnert, als ich Karin und Tiras, ein deutsches Pärchen um die 40 Jahre aus dem schönen München, an Bord der „MS Nhat Anh Cruise“ traf, ihr importiertes 250g-Nutella-Glas fest umklammert, nach Croissants und Toastbrot Ausschau haltend.

 

Zu diesem unvergesslichen Moment kommen wir aber später.

 

Jetzt erst einmal zurück an den Frühstückstisch im verhangenen Thái Nguyên. Wir genossen unser herrlich leckeres Mahl aus herzhaften „Bánh bao“ (Weizenmehlklöße - in der vietnamesischen Küche gefüllt mit Hähnchen-, Rind- oder Schweinefleisch, Shiitake-Pilzen, Zwiebeln, geschnittenen Glasnudeln und Eiern. Ohne Füllung schmecken sie wie deutsche Hefeklöße.) und der süßen Nachspeise „Bánh Bông Lan“ (leichter, fluffiger Schwamm-artiger Kuchen, nicht all zu süß und gerade daher so so lecker) während der alltägliche Verkehrs-Wahnsinn an uns vorbei zog. Das ich in diesem wilden Mix aus bedrohlichen Tanklastwagen, die quasi ungebremst und ohrenbetäubend schrill hupend die Straße entlang schossen und spärlich geschützten Kleinfamilien auf Rollern die ihre Bahnen mal mit dem Verkehr, mal komplett durch den Gegenverkehr schlängelnd zogen, etwas friedlich-verträumtes sehen konnte, zeigte mir, dass ich angekommen war.

„Bánh bao“
„Bánh bao“
„Bánh Bông Lan“
„Bánh Bông Lan“

Vietnam machte mir – ganz im Gegensatz zum ersten Mal vor gut 10 Jahren – keine Angst mehr. Viele der Momente die mir seiner Zeit sagten „dies ist ein totaler Kulturschock“, waren dieses Mal absolut okay für mich – nachvollziehbar und erklärbar auf Grund der Lebensweise der Vietnamesen. Diese anfängliche Angst, keine sehr tief sitzende, jedoch sporadisch auftauchende aber schnell flüchtige Angst, sah ich in vielen Gesichtern der Touristen, die wir auf unserer Reise trafen. Vielleicht schaffe ich es ja mit diesen Zeilen, Ihnen diese Angst im Vorfeld zu nehmen. Es ist wohl nur das Unbekannte, dass uns kurz verunsichert und bei dem Ein oder Anderen ein Gefühl von Überforderung und Angst auslöst. Arrangiert man sich kurzerhand mit der neuen Situation, ist alles nur noch halb so schlimm.

"Bún Chả" Reisnudeln mit gegrilltem Scheinefleisch in Fischsauce, Erdnuss und Kräuter
"Bún Chả" Reisnudeln mit gegrilltem Scheinefleisch in Fischsauce, Erdnuss und Kräuter

Das Frühstück nun endlich verspeist machte sich Nga daran, ein Taxi für unseren anstehenden Ausflug zu organisieren. Der einfachste Weg von A nach B zu kommen sind wohl die offiziellen Taxis die, wenn nicht zufällig direkt vor einem stehend, binnen wenigen Minuten nach Anruf vor Ort sind. Schwierig, spricht man kein Vietnamesisch. Die Kommunikation und das Vorankommen als Tourist ohne vietnamesischen Hintergrund, gestaltet sich in den tourismusfernen Regionen wie Thái Nguyên bis Weilen etwas schwierig. Da wir damit an der Stelle jedoch keine Probleme hatten, ging es schon bald mit dem Taxi weiter in das Zentrum der Stadt.

 

Lächeln bitte!

 

Ein ganz besonderes Ziel sollte uns heute erwarten, bei dem das schlechte Wetter noch eine wichtige Rolle spielen sollte. Wie Sie sicherlich schon erfasst haben, sind Nga und ich frisch verheiratet. Neben den wunderschönen Fotos unserer deutschen Hochzeits-Fotografin Mandy (Mandy Stappenbeck Fotografie), die uns auf unserer Feier in Magdeburg begleitete, wollten wir gern noch typisch vietnamesische Hochzeitsfotos von uns in Form eines Bildbandes anfertigen lassen.

 

Aus diesem Grunde hatte Nga uns Zwei für diesen Tag zu einem Hochzeits-Shooting im Fotostudio „Nắng“ angemeldet. Dieses zeigt sich im Internet und über die vorangegangene Kommunikation via Facebook sehr kompetent, jung und frisch. Im Studio angekommen fühlten wir uns jedoch etwas unbehaglich. Den Glanz der wirklich wunderschönen Fotos aus dem Internet, spiegelte der Empfangsraum und die Arbeitsweise der zierlichen Vietnamesinnen nicht so ganz wider. „Der Lack is' längst ab“ könnte man sagen, aber auch hier darf man den typisch vietnamesischen Lebensweg nicht zu früh verurteilen. Es war nicht das erste Mal, dass man auf Gebäude oder Geschäfte trifft, die zunächst sehr ordentlich, sauber und modern wirken, einem kritischen Blick jedoch nicht standhalten konnten. Daran sollte man sich gewöhnen. Es wird zum Teil erstaunlicher Aufwand betrieben luxuriöse Gebäude zu errichten, jedoch reicht es dann irgendwo nicht mehr, diese eigentlich schöne Architektur zu pflegen und zu warten. So haben die meisten Gebäude schnell einen etwas abgerissenen und verlebten Charm, so auch dieses, obwohl zum Teil noch im Umbau befindlich.

 

Nach einem kurzen Gespräch mit der Empfangsdame wurde mir meine Frau auch schon entrissen. Während ich auf dem Sofa im Empfangsraum des Erdgeschosses warten sollte, wurde Nga in die oberen Etagen geführt. Von nun an hieß es warten - warten und wieder warten. Eine recht freundliche und fähige Visagistin kümmerte sich nun gut 2 Stunden um das Make-Up der „Braut“. Für mich ausreichend Zeit um mich wieder einmal dem Niederschreiben der bisherigen Erlebnisse hinzugeben. Unterbrochen wurde ich nur von einem zaghaften Versuch eines jugendlich wirkenden kleinen Vietnamesen mich anzusprechen. Ich war etwas verwirrt was er von mir erwartete. Langsam robbte er auf der Couch an mich heran und versuchte mir auf recht schwer verständlichem Englisch zu sagen, dass ich doch ein sehr attraktiver Mann sei (ich hörte während der 3 Wochen des öfteren die Worte „handsome man“). Für uns beide wohl eine etwas seltsame Situation. So schnell er aufgetaucht war, so schnell trat er auch gleich wieder den Rückzug an. Unbeeindruckt der skurrilen Pause, setzte ich mein Schriftstück fort, so gut es eben ging. Neben mir dröhnte ein Lautsprecher ohrenbetäubende vietnamesische Techno-Musik in recht fragwürdiger Qualität in den Raum. Die Karaoke-Version eines sonst recht schönen Songs wurde dadurch nicht gerade verbessert. Einige Zeit und einen Tinitus später, wurde dann auch ich gebeten mit in die obere Etage zu folgen.

 

Eine verrückte Reise zwischen Schauspiel, Romantik und überraschenden Foto-Szenen sollte nun beginnen.

 

Im 1. Obergeschoss des, ich glaube, 8-stöckigen Hauses fand ich mich in einem großen Raum zur Anprobe von Hochzeitskleidung wieder. Reihenweise Hochzeitskleider und eine kleine Ecke für die männliche Fraktion umschlossen die Wände. An den Raum schloss sich ein ebenso großer Raum für die Visagistinnen an, in dem 8 Arbeitsplätze auf blasse Gesichter warteten. Heute fand ich dort lediglich eine weitere Braut neben meiner lieben Nga vor. Diese sah bereits stark verändert aus, falsche Wimpern, viel Make-Up, hier und da etwas Glitter … ich brauchte etwas Zeit mich damit anzufreunden. Da ich selbst derartige Tricks nicht nötig hatte – die geborene Schönheit die ich nun einmal bin (Zwinker) – blieb mir dieser künstl(er)ische Farbauftrag auf meiner Leinwand des Lebens erspart. Dieser „handsome man“ ist bereits von Natur aus unerträglich schön, müssen sich die Mitarbeiter des Studios gedacht haben („Ironie off“).

 

Ich widmete mich nun also der Wahl meiner Kleidung. Natürlich hatten wir nichts wirklich passendes für einen solchen Anlass dabei, lediglich einen „Áo dài“ (gesprochen: Au Sai - traditionelles vietnamesisches Nationaltracht) für Nga sowie ein Jacket nebst gutem Hemd für mich, welche wir für die geplante Hochzeitsfeier vorhielten. Ich musste nun also aus dem Studio-Fundus das Beste machen, um der schönen Braut im Nebenzimmer gerecht zu werden. Keine leichte Übung bei der Wahl zwischen maximal 10 Herrenanzügen. Da ich aber ein vorausschauender Mensch bin, hatte ich planmäßig bei 1,74 Metern Körpergröße aufgehört zu wachsen, so dass ich gerade noch im oberen Ende der vietnamesischen Konfektionsgrößen fündig wurde. Es war tatsächlich der einzige und letzte Anzug den ich anprobierte, der perfekt passte. Leihschuhe waren ebenfalls schnell gefunden, so dass ich plötzlich doch ganz ansehnlich, einer fingierten Hochzeit gerecht, vor dem Spiegel stand. Bei Nga sollte dies etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen, angesichts der Wahl zwischen kitschigen Kleidern und ... sehr kitschigen Kleidern. Profi der sie in Sachen Mode ist, hat sie dann aber doch das eine Kleid gefunden, das uns beiden gefiel.


Nachdem wir nun optisch aufpoliert waren, mussten wir etwas enttäuscht feststellen, dass sich das Wetter noch weiter verschlechtert hatte. Das geplante Außen-Shooting konnte daher leider nicht stattfinden. Schade – speziell diese Bilder hatten Nga auf der Internet-Präsenz des Studios so sehr gefallen. Statt in die Natur ging es nun einfach eine Etage weiter nach oben. Wir waren doch sehr überrascht, als wir die nächste Etage erklommen hatten. Jeder der folgenden Räume hatte seine ganz eigene Dekoration, einem Bühnenbild gleich kommend. Teilweise bot ein Raum gleich zwei oder drei verschiedene Blickwinkel für den Kameramann. Man schien offenbar zu wissen, wie man auch drinnen noch spannende Szenen fotografieren konnte. Ab diesem Moment waren wir voll in der Hand der Fotografen. Gleich zwei wuselten von nun an stets um uns herum und wiesen uns in die Szenen ein. Ich erkannte jenen kleinen Vietnamesen wieder, der sich schon im Untergeschoss für mich zu interessieren schien (ja, die Zweideutigkeit dieses Satzes ist mir klar und auch gewollt.) und auch hier nun wieder auffällig engagiert seiner Arbeit nachging. Eines muss man den Jungs aber lassen, sie waren über dem Maße freundlich, rücksichtsvoll und lustig. Mit Romantik und Spontanität hatten diese Fotos so viel zu tun wie Vietnam mit Currywurst. Es hatte tatsächlich eher den Charakter einer Schauspielschule. Wir sind da persönlich sehr einfach gestrickt und fanden uns mit dieser Art des Fotografierens ab. Am Ende war es ein riesiger Spaß mit überraschend guten Bildern. Wer den besonders romantischen Kick sucht ist hier definitiv falsch, das Geld ist es aber alle mal wert. Ein Shooting bei der Qualität, jedoch in der freien Natur bringt die etwas vermisste Romantik aber sicher zurück.

Wie dem auch sei – wir fühlten uns gut unterhalten und die fidelen Fotografen bestanden am Ende des Tages auf eine kleine Selfie-Runde mit dem „weißen Mann“. Sichtlich stolz wurden jene „Trophäen“ noch einmal allen Freunden im Haus präsentiert, bevor wir dann zur Sichtung der eigentlichen Fotos kamen. Am Ende der Reise würden wir noch einmal in Thái Nguyên landen um auch dieses Fotobuch abzuholen.

Der Tag im Zeichen des Lichtbildes war jedoch noch nicht vorbei. Meine Frau hatte – ebenfalls Facebook sei dank – einen weiteren Fotografen ausfindig gemacht, der wohl darauf spezialisiert sein sollte, Fotobücher zu gestalten und herstellen zu lassen. Vom Nắng-Studio ging es nun also mit dem Taxi zu einer Privatadresse in einer recht gehobenen Wohngegend. Hier lernten wir Mạnh Cường kennen, einen überaus begabten Jungfotografen um die 30 Jahre, der sich unter dem Label „38 Studio“ bereits einen guten Namen im Land gemacht hatte. Seine Arbeiten begeisterten uns schon von Deutschland aus. Er empfängt uns in seinem Elternhaus, in dem er zusammen mit eben diesen, Frau und Kind lebt und seine Arbeit von hier aus steuert. Man merkt sofort, dass er aus gutem Hause stammt und seiner Arbeit mit Leidenschaft nach geht. Eigentlich hat er Maschinenbau studiert und seinen Abschluss als Ingenieur bereits in der Tasche. Jedoch überwiegt die Lust am Fotografieren und Reisen, was er nun auch zu seinem Beruf machen möchte. Unser Plan beinhaltete zunächst nur, ihn für ein hochwertig produziertes Fotobuch zu beauftragen. So sichteten wir gemeinsam unsere Fotografien der Hochzeit und eines „After-Wedding-Shootings“ in Deutschland.


Er war sichtlich begeistert, nicht nur von den wunderschönen Fotos unserer lieben Freundin und Fotografin Mandy Stappenbeck – wir als Paar hatten es ihm wohl auch angetan. Als Vietnamese in einer Stadt wie Thái Nguyên kommt man nicht so oft mit Touristen oder gar gemischtrassigen Paaren in Kontakt. Diese Situation erschien ihm dermaßen inspirierend, dass er uns nach einem spontanen Shooting fragte. Wir erzählten ihm und seiner Frau von unseren Reiseplänen für die nächsten Tage, die uns unter anderem hoch in die Berge von Tam Đảo führen würden, einem nahegelegenen Hochplateau und beliebten Ausflugsziel für Naturfans und Romantiker. Mạnh kannte das Gebiet gut, hatte er doch dort bereits einige Fotostrecken geschossen. Er freute sich über diese Pläne, die ihm durchaus in die Karten spielten. Kurzentschlossen fragte er, ob er uns an jenen Ort nachreisen könnte um einen halben Tag lang mit uns zu arbeiten. Wir freuten uns natürlich über diese Gelegenheit und nahmen seinen Vorschlag dankend an.

 

Vĩnh Phúc – Liebe liegt in der Luft.

 

Bereits am nächsten Tag verließen wir Thái Nguyên und machten uns mit einem Sammeltaxi auf nach Vĩnh Yên, der Hauptstadt der Region Vĩnh Phúc, etwa 2 Autostunden entfernt. Vor Ort erwartete uns bereits Minh Ngọc, eine überdurchschnittlich groß gewachsene, bildhübsche und überaus liebevolle Mutter zweier aufgeweckter Jungs und Frau von Minh Tuấn. Minh Tuấn wiederum ist der Cousin meiner Frau Nga. Ja, es war auch für mich nicht immer so leicht die Familienzugehörigkeiten zu überblicken. Für mich fühlte es sich aber auch hier wieder sehr nach Familie an. Wir verstanden uns sofort und man konnte die ehrliche Freude über unseren Besuch deutlich spüren. Wenn auch das Haus der kleinen, jungen Familie recht klein ist, war es für die beiden eine Selbstverständlichkeit uns aufzunehmen und ihre Räume mit uns zu teilen. Die zwei Jungs im Alter von 8 und 9 Jahren zogen kurzer Hand in das Elternschlafzimmer, um uns ihr Bett zur Verfügung zu stellen. Tuấn und mich verband bereits nach dem ersten gemeinsamen Abendessen nebst einigen Dosen Tiger-Bier, eine Art kameradschaftliche Freundschaft.

Nga und Minh Ngọc hatten sich lang nicht gesehen und entsprechend viel zu erzählen. Auch wenn ich nicht viel verstand von dem was sie erzählten, so war die Körpersprache mehr als klar zu lesen. Auch wenn sie sich so lang nicht gesehen hatten und auch von Deutschland aus wenig Kontakt hielten, ist ein Wiedersehen stets begleitet von überschwänglicher Freude, Begeisterung und ehrlichem Interesse am Leben des Anderen. Während Nga ihr nun einige ausgewählte Gastgeschenke überreichte und sie sich zum Plaudern in den kleinen, von Orchideen bevölkerten Hof des Hauses setzten, machte ich mich auf die Umgebung zu erkunden.


Das Haus selbst war zwar recht klein, hatte aber alles was man zum Leben brauchte. Minh Ngọc's ganzer Stolz sind ihre selbstgezüchteten Orchideen, die an Holzstücken wachsend vom Vordach hängen. Daneben merkt man deutlich, dass auch hier die Familie den absoluten Lebensmittelpunkt bildet. Das große Wohnzimmer, welches sich zum Hof hin fast vollständig öffnen ließ, fungierte als zentrales Zimmer für sämtliche Erinnerungsgegenstände, Familienfotos, Urkunden der Kinder, selbstgemalte Gemälde und Stickereiarbeiten der äußerst begabten, künstlerischen Seite Minh Ngọc's. Zwar findet man in diesem Zimmer auch ein großes Sofa nebst Sessel (typisch vietnamesisch aus Massivholz gefertigt), das gesellschaftliche Treiben bei Abendessen und Gästeempfang spielt sich jedoch auf einer großen Holzplatte am Fußboden ab. Es ist in Vietnam absolut üblich auf dem Boden zu essen, insbesondere wenn Gäste erwartet werden. Für große Tische und sonst ungenutzte Stühle haben die Wenigsten Platz im Haus, so dass ganz pragmatisch eine lange Papierrolle auf dem Boden ausgebreitet wird und das Essen eben auf selbiger eingenommen wird. Dabei gesellen sich zumeist die Männer zu den Männern und die Damen bleiben unter sich. Ein reger Austausch findet jedoch über die gesamte Gruppe statt.


Ich für meinen Teil hatte am ersten Abend im Hause des Cousins bei zahlreichen vietnamesischen Köstlichkeiten meinen Spaß mit anh* Tuấn, der aus heiterem Himmel heraus einen kleinen Wettstreit darum losbrach, wer mehr Bier vertragen würde. Er war sichtlich geübt, was man seiner schmalen Figur absolut nicht ansah, hatte am Ende aber nur mit dem „Deutschen“ gleichziehen können. Man einigte sich auf ein Unentschieden und freute sich über das Familienidyll in der Runde.


*HÄTTEST DU ES GEWUSST?

Im Vietnamesischen hört man oft die Worte "Chị", "Anh" und "Em". Was Bedeuten diese und wie werden sie benutzt?

Meine Frau hatte es mir bereits mehrfach versucht zu erklären, so wirklich verstanden hatte ich es jedoch nicht sofort. Erst mit der Zeit und insbesondere durch die verschiedenen Alltagssituationen auf der Straße, innerhalb der Familie und besonders auf unserer Hochzeitsgesellschaft, wurde mir die Bedeutung dieser Worte schon mehr und mehr bewusst.

 

Einfach gesagt bedeutet  "Chị" soviel wie "ältere Schwester","Anh" so viel wie "älterer Bruder" und  "Em" so viel wie "jüngere Geschwister". Leider ist es nicht so einfach wie man zunächst denken könnte. Gerade als ich froh war, dieses Prinzip in etwa verstanden zu haben, erklärte man mir weitere Regeln in der Anwendung dieser (und noch weiterer) kleinen Worte in Abhängigkeit zum Gegenüber.

 

Familiäre Nutzung:
Im Gespräch verwenden die Vietnamesen häufig relationale Substantive als Konversationspronomen, ähnlich wie Englischsprachige sagen: "Wie geht es dir, Opa?“ Vietnamesen erweitern das Ganze um den ganzen Weg bis "wie geht es dir, jüngere Tante mütterlicherseits".

Nicht-familiäre Nutzung:
Außerhalb familiärer Situationen wird "Anh" als das Pronomen der ersten Person verwendet, wenn der Sprecher sich für einen etwas älteren Mann hält, während „Chị" sich für eine etwas ältere Frau hält. In gleicher Weise wird "Em" verwendet, wenn sich die Sprecherin für jünger hält.

 

In Beziehungen:

In heterosexuellen Beziehungen bezeichnet sich der Mann prinzipiell als "Anh" und die Frau ist "Em".

 

Beherrscht man die Verwendung  der Pronomen wie die meisten Vietnamesen, kann man sie auch beabsichtig falsch verwenden, etwa um einer Person ein Kompliment auszusprechen oder um zu flirten.  Eine etwas älteren Frau könnte man beispielsweise statt mit „Chị", als "Em" ansprechen, um ihr zu signalisieren, dass sie jünger ausschaut als sie ist.


 Über den Wolken mit Buddah

 

Den nächsten Tag hatte sich Minh Ngọc extra für uns frei genommen. Das heutige Tagesziel ist "Tay Thien", eine Sehenswürdigkeit im Kreis "Tam Đảo", die eng mit dem Buddhismus verbunden ist. Früher war der Weg zum 1375 Meter hoch gelegenen Berggipfel Tay Thien nur schwer zugänglich. Man musste viele Wasserfälle zwischen Nadelbaumwäldern überwinden. Heute wird einem der Aufstieg um einiges leichter gemacht.

 

Schon sehr lang, zieht Tay Thien landesweit Pilger an. Grund dafür ist neben der herrlichen Natur wohl die Beziehung zum Buddhismus. Tay Thien gilt als Berg Buddhas und wird als Verbindungsstelle zwischen Buddhismus und der Ehrung der Muttergöttin betrachtet. Nach vielen Jahrhunderten wird die natürliche Schönheiten noch immer bewahrt. Besucher der Region können es sich heutzutage leicht machen und die direkte Verbindung von Talstation zum Gipfel mittels Seilbahn nutzen oder aber den alten Pilgern gerecht werden. In diesem Fall wandern Sie entlang der klaren Bäche den Berg hinauf, vorbei an wichtigen Sehenswürdigkeiten, wie dem fünfstöckigen Wasserfall, dem Silberwasserfall, dem Goldwasserfall und dem Thuong-Tempel in Tay Thien.


 Nicht wenige nehmen auch heute diesen beschwerlichen Weg auf sich, nicht so Minh Ngọc, Nga und ich. Da uns die Zeit für einen 2-stündigen Aufstieg schlicht fehlte, nutzten wir den weitaus bequemeren Weg über die kleinen Shuttle-Busse, die einen vom großen Vorplatz des Areals zur Talstation der Seilbahn brachten. Hier reihen sich einige kleinere Hütten aneinander aus denen heraus einfachste, aber leckere Speisen verkauft werden. Für viele eine gute Gelegenheit sich vor dem Aufstieg noch einmal zu stärken.


Für noch viel mehr eine perfekte Gelegenheit mich, den „weißen Mann“ mal wieder mit Blicken zu löchern und nach dem ein oder anderen Foto mit mir zu fragen. Diese eher komischen Situationen blieben einfach nicht aus. Touristen aus europäischen Ländern waren auch hier spürbar die Ausnahme. Man stellte sich unweigerlich die Frage, ob jene neugierigen Vietnamesen auf ihrem Pilgerweg nichts besseres zu tun hätten als sich um diesen einen Deutschen zu scheren – scheinbar nicht. Da ich für meinen Teil aber die spirituelle Atmosphäre der Tempelanlage ungestört in mich aufnehmen wollte, musste ich mich zwingen, diese Einflüsse von Außen zu ignorieren. In der Gondel hinauf zur Bergspitze sitzend herrschte von jetzt auf gleich eine angenehme Stille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als wir über den Köpfen der Wanderer hinauf in den leichten Nebel Tay Thien's fuhren. Einige Meter weiter oben klarte es um uns herum auf und die Schönheit des dichten Waldes offenbarte sich ganz und gar. Es hatte schon etwas märchenhaftes an sich.

 

Oben angekommen hieß es noch einmal zu Fuß die Stufen hinauf zum Tempel zu erklimmen. Ein durchweg andächtiger Moment, der keines gesprochenen Wortes bedurfte. Der Glaube an den Buddhismus ist mir als Atheisten eher fremd, wenn gleich ich ihn absolut respektiere und toleriere. Der Großteil der vietnamesischen Bevölkerung bekennt sich zwar ebenfalls zu keinem Glauben, die Lebensweise im Land ist aber fast durchweg buddhistisch geprägt und wird vom Taoismus, dem Konfuzianismus, sowie animistische Vorstellungen und insbesondere auch einem Ahnenkult beeinflusst, ohne dass es dabei zu Dogmen kommt. Ein ausgeprägter Geisterglaube ist verbreitet und rituelle Handlungselemente der unterschiedlichen Einflüsse können je nach Alltagssituation auftreten. In den ursprünglich konfuzianistisch geprägten Volksreligion "Đạo Mẫu" und "Cao Đài" gibt es auch heute noch Stadtschamanen (Dong), die vielfältige Rituale des Opfers und der Inspiration ausführen. Besonders beliebt bei allen Vietnamesen unabhängig von ihrer Konfession ist das "Lên đồng-Ritual", bei dem die Schamanin die Geister in Trance um Gesundheit und Wohlstand für die Gastgeber des Rituals bittet. Dabei spielt das Kostüm eine wichtige Rolle: Es spiegelt die klassische Hoftracht der Vormoderne und wird dem Geist „angezogen“, um ihn in dieser Weise zu ehren. Der Geist tritt dann über das Medium mit den Anwesenden in Kontakt, um Opfergaben in Empfang zu nehmen und die Musik zu genießen.



Wir hatten das große Glück einer solchen Zeremonie in der Tay Thien Pagode beiwohnen zu dürfen. Ein fantastisches Spektakel, welches sämtliche umstehende Besucher in ihren Bann zog.

Für mich als „Außenstehenden“ ebenso spannend zu beobachten wie sich meine Frau Nga und Minh Ngọc über das Gelände und durch die Gebetsräume bewegten. Bereits bei Ankunft am Tempel legte Minh Ngọc ihre Hände zum Gebet ineinander und war für einen kurzen Moment in ihrer eigenen Gedankenwelt vertieft. Tempel sind für Vietnamesen, ob gläubig oder nicht, ein Heiligtum in dem stets Andacht und Ruhe herrschen. Man betet an verschiedenen Altaren um Glück und Gesundheit, legt Opfergaben wie Geld, Obst oder Süßigkeiten nieder und umgibt sich für eine intensive Zeit mit der göttlichen Aura. In diesem Umfeld kam ich nicht umhin mich von der geistlichen Aura mitreißen zu lassen und versuchte mich in meiner eigenen Interpretation des Gebetes, in dem ich die Altare besuchte, sie mit einer kleinen Spende bedachte und an meine Liebsten daheim und in Vietnam dachte.


Kleine Randinformation an dieser Stelle:

Aus Respekt gegenüber den Gläubigen und der Tempelanlage selbst, sollte man auf Fotos innerhalb der Gebetsräume verzichten. Dies fällt sicher nicht leicht in Anbetracht der unglaublich aufwendig dekorierten Räume mit ihrer ganz besonderen Ausstrahlung. Jedoch sollte jeder der mit dem Gedanken spielt sich Tempelanlagen in Vietnam anzuschauen, an seinen gesunden Menschenverstand appellieren und Fotos, wenn unbedingt nötig in Abwesenheit von betenden Personen schießen.


Wir verbrachten insgesamt gute zwei Stunden in der Tempelanlage bevor wir uns wieder auf den Rückweg machten. Rückweg ist eigentlich das falsche Wort. Da wir nun schon so nah am Nationalpark und dem Bergort Tam Đảo waren, setzte uns Minh Ngọc auf halber Strecke ab. Sie musste heim um sich um die Kinder zu kümmern, während wir uns ein Taxi für den Weg nach Tam Đảo suchten. Leichter gesagt als getan. Da die Strecke hinauf in die Berge auch mit dem PKW recht beschwerlich ist, war es nicht so einfach, auf der Stelle einen Taxifahrer zu diesem Tripp zu ermuntern. Schlussendlich einigten wir uns dann doch mit einem jungen Fahrer, der uns für einen passablen Preis befördern wollte. Wer den Weg dort hin antritt sollte sich dann doch einmal wärmere Kleidung einpacken. In den Bergen liegen die Temperaturen im Durchschnitt 8 bis 12 °C unter denen im Tal. Dies spürten wir leidlich, als wir am frühen Abend vor unserem Hotel aus dem Taxi stiegen.

 

Der erste Weg ging direkt auf unser Zimmer um sich den Temperaturen entsprechend wärmer anzuziehen. Anschließend machten wir uns zu Fuß auf den Ort zu entdecken. Leider legte sich schon direkt nach unserer Ankunft eine dichte Nebeldecke über den kompletten Ort und die Bergregion um uns herum. Man konnte die Hand vor Augen kaum sehen, so dicht wurde der Nebel. Es gab aber auch nicht wirklich viel zu entdecken. Neben der schönen Natur, die sich nun gut vor uns versteckt hielt, war der Ort selbst im Wesentlichen von umfangreichen Baumaßnahmen gezeichnet. Wo man geht und steht wurde gebuddelt, gebaut, gehämmert und gemauert. Wir entschlossen uns also schon bald in eine nahegelegene Garküche einzukehren, der Magen hing uns nach dem langen Tag bereits in den Knien. Das „Restaurant“ machte den Anschein eines mittelgroßen Festzeltes - viele lange Bänke und Stuhlreihen an deren Ende alle paar Meter ein frisches Buffet mit den Zutaten des Abends zur Wahl standen. Sehr authentisch und appetitlich präsentiert, man sollte sich da vom äußeren Eindruck des Gebäudes nicht täuschen lassen.


Wir wählten unsere Speisen vom Buffet-Tisch und setzten uns. Kurze Zeit später wurden die gewählten Teile des Menüs fertig zubereitet an unseren Tisch gebracht, darunter auch für die Region sehr spezielle Salate, die man woanders kaum finden würde. Wir waren wieder einmal überwältigt vom Geschmack und der Frische, so einfach das Essen oftmals auch ausschaut. Neben dem Essen nutzen wir die Ruhe und Zeit um ein paar Freunde in der Heimat via Video-Telefonie zu kontaktieren. Ich staunte nicht schlecht, dass wir hoch oben im dichten Nebel des Gebirges eine derart gute Verbindung herstellen konnten. Ich glaube seither, dass wir in Deutschland tatsächlich noch im „Neuland“ umherirren, was die Leistung unseres Internets betrifft. Für umgerechnet 1 Euro hatten wir rund um die Uhr, an jedem Ort in Vietnam sehr schnelles mobiles Internet. Unfassbar im Vergleich zu unseren Tarifen und den entsprechenden „Leistungen“ daheim.

 

Der Tag neigte sich nun dem Ende und wir verkrochen uns in unser kleines, gemütliches Hotelzimmer. Es war wohl die erste und einzige Nacht in der wir tatsächlich Gebrauch von dicken Daunen-Bettdecken machten, hatte es draußen gerade einmal gefühlte 10 °C.

Für den nächsten Tag hatte sich unser neuer Freund und Fotograf aus Thái Nguyên, Mạnh Cường mit seiner Frau zu einem Besuch angekündigt. Wie versprochen wollte er uns in der Region besuchen kommen, um uns in der freien Natur zu fotografieren. Leider hielt sich der Nebel vom Vorabend noch fest in den Bergen, begleitet von feinem Regen. Es war kalt und nass – dennoch ließen wir uns den Spaß nicht nehmen. Die Frau von Mạnh Cường kümmerte sich um das Make-Up von Nga und zauberte ihr eine wunderschöne Frisur. Sie hatte eines ihrer Hochzeitskleider dabei, sehr geschmackvoll und in der passenden Größe für Nga. Eines der Kleider gefiel ihr so gut, dass sie es dem jungen Pärchen noch vor Ort abkaufte. Mạnh Cường und ich machten es uns derweil bei einem Kaffee im Foyer des Hotels gemütlich. Wir konnten uns ganz gut auf Englisch unterhalten und so verriet er mir mehr zu seiner Person und seiner Familie und erzählte mir von seinen Zukunftsplänen als Fotograf. Er würde sehr gern auch einmal nach Deutschland kommen um dort zu fotografieren.

 

Dem schlechten Wetter trotzend gingen wir anschließend zum Shooting in den Straßen von Tam Đảo über. Außer Nebel war leider nichts zu sehen, Mạnh Cường schaffte es jedoch atemberaubend schöne Bilder von uns zu schießen. Der Nebel verlieh den Bildern sogar etwas mystisch-unwirkliches.


Trotz Kälte und Regen bereuten wir diesen spontanen Versuch nicht. Schlotternd verkrochen wir uns wieder im Auto und fuhren nun hinab ins Tal. Mit jedem Kilometer klarte das Wetter mehr und mehr auf und die Sonne ließ sich blicken. Auf halber Strecke den Berg hinab fanden wir eine Zufahrt zu einem Tempel am Wegesrand, der noch im Bau zu sein schien. Wir zupften uns noch einmal die Kleidung und Frisuren zurecht und ließen uns erneut vom Objektiv des Fotografen anleiten. Das Ganze verlief deutlich natürlicher und spontaner, nicht so gestellt und künstlich wie im Nắng-Studio in Thái Nguyên. Mạnh Cường bewies seinen ganz besonderen Blick für die Momentaufnahme wie man an Hand der Fotostrecke erkennen kann. Wir waren mehr als glücklich und freuten uns über diesen schönen Ausflug. Das Ergebnis konnten wir zwar erst am Ende unserer Reise in Empfang nehmen, wir waren uns aber schon jetzt sicher, dass die Ergebnisse überzeugen würden. Mạnh Cường und seine Frau machten sich anschließend wieder auf den Weg zurück nach Hause und setzten uns kurz vor den Toren von Vĩnh Yên bei einem weiteren Tempel ab.

Nga wollte sich hier mit einer Freundin treffen während ich die Anlage auf eigene Faust erkundeten wollte. Eine überraschend gute Idee. Die „Hà Tiên Pagode“ stellte sich für mich als der Inbegriff eines Tempels dar, so wie ich mir einen Tempel schon immer vorgestellt hatte. Im Gegensatz zum zuvor besuchten Tay Thien Tempel herrschte hier absolute Ruhe. Kein Mensch weit und breit, sanfte zen-artige Musik wurde mit dem angenehm leichten Wind über das Gelände getragen. Ein Schüler des Klosters innerhalb der Tempelanlage zeichnete Schriftzeichen auf eine lange Pergamentrolle – konzentriert – fokussiert – im Gleichgewicht mit der Umgebung. Ein Bild wie aus einem klassisch asiatischem Kung Fu-Film.



Wir verbringen hier fast den ganzen Nachmittag mit Nga's alter Schulfreundin Hang, entspannen in der Ruhe der Anlage und ich zeichne ein schnelles Bild der beiden hübschen Damen mir gegenüber. Schließlich ist es wieder die liebe Minh Ngọc die uns nach getaner Arbeit in Vĩnh Yên am Tempel einsammelt und uns mit zu sich nach Haus nimmt. Dort angekommen freue ich mich schon richtig auf die Familie. Anh* Tuấn und seine beiden Jungs hatten mir schon fast gefehlt. Tuấn war noch auf Arbeit als wir zurück kamen, die beiden Söhne freuten sich aber schon über unsere Rückkehr und wollten erst einmal eine Runde mit mir Fußballspielen. Sie hatten sichtlich Freude daran und einige weitere Kinder aus der Nachbarschaft gesellten sich zu unserem kleinen Spiel in mitten der Seitenstraßen.

 

Am Abend fuhren wir mit der ganzen Familie in ein Freiluft-Restaurant in dem sich ein kleines Klassentreffen mit Nga's ehemaligen Klassenkameraden zutrug. Es war auch für mich spannend zu sehen, wie sich meine Frau in die frühen Jahre ihrer Schulzeit zurückversetzt fühlte. Den Abschluss hatten sie zwar nicht zusammen feiern können, da Nga zu dieser Zeit schon mehrere Jahre in Deutschland lebte, der Kontakt ist aber nie so ganz abgerissen. Um so schöner war das Wiedersehen mit den nicht mehr ganz so kleinen und jungen Schulfreunden. Die meisten hatten längst ihre eigene kleine Familie gegründet, die sie zu diesem Abend mitbrachten. Es wird viel geredet, gelacht und gemeinsam getrunken.


So sollte unser Aufenthalt in Vĩnh Yên auch schon fast zu Ende gehen. Der nächste Tag war mehr oder weniger der Schönheit meiner Frau vorbehalten. Während sie sich für die bevorstehenden Hochzeitsfestivitäten aufarbeiten ließ, erkundete ich den Innenstadtkern von Vĩnh Yên auf eigene Faust. Minh Ngọc und besonders Minh Tuấn hatten wohl Mitleid mit mir. Da ich so lang auf meine Frau warten musste, entführten sie mich zum gemeinsamen Mittagessen und einem Eis in einer sehr schönen Spa-Anlage an einem der zahlreichen Seen inmitten der Stadt. Dank Internet und Google-Translator konnten wir uns sogar, wenn auch etwas holprig unterhalten. Bereits die wenigen Worte die wir wechselten offenbarten eine innige Verbundenheit zwischen uns. Ich fühlte mich trotz der schwierigen Kommunikation absolut wohl in ihrer Gegenwart und freute mich schon auf die bevorstehende Hochzeitsfeier mit den beiden und ihren Kindern. Am Abend sollte es dann losgehen. Minh Ngọc, Minh Tuấn, die Kinder, Nga und ich machten uns gemeinsam auf den Weg nach Yên Lạc, dem Geburtsort meiner Frau. Ein kleines Dorf in der Provinz von Vĩnh Phúc.

 

Das nächste Abendteuer konnte beginnen.


Im Wesentlichen verfasse ich diese Zeilen um mir selbst in einigen Jahren die Erinnerung an diese besonderen Tage zurückzuholen. Wenn es aber auch bei Ihnen auf Zuspruch trifft, würde ich mich über Fragen, Anregungen und regen Gedankenaustausch in den Kommentaren sehr freuen.



Das Video Zum Reise-Blog "Vietnam"

Nicht verpassen! Zu unseren Erzählungen liefern wir euch jetzt auch exklusives Videomaterial um euch zu den gedanklichen Bildern aus unseren Texten auch die Realität präsentieren zu können. Viel Spaß!



Dies war auch schon das zweite Kapitel unserer Reise durch Vietnam. Schon bald folgt das nächste Kapitel, in dem Sie hautnah miterleben können, wie eine vietnamesische Hochzeit mit deutschem Bräutigam abläuft. Es geht raus aufs Land wo man wohl noch nie einen Touristen gesehen hat. Es wird spannend, so viel sei schon einmal verraten.

 

Also, dran bleiben! Bis zum nächsten Mal.

Micha


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Kommentare: 1
  • #1

    minhngoctnxpvp@gmail.com (Dienstag, 19 Juni 2018 03:02)

    verry good