· 

Vietnam leben, lieben & entdecken /// Kapitel 1

PROLOG

Bereits Augustus Aurelius wusste: „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“ Wie wahr! Egal ob im eigenen Lande oder einmal um den halben Erdball, reisen bildet und eröffnet uns völlig neue Perspektiven. Die Welt bietet so viel Schönes und Wunderbares, dass es für mich einer Verschwendung wertvoller Lebenszeit gleich käme immer nur im gewohnten Umfeld zu verweilen. Sicher, für den Ein oder Anderen, auch für meine Frau und mich, ist es nicht immer einfach Zeit und Geld für größere Reisen zu finden. Einmal im Jahr sollte man sich diesen „Luxus“ jedoch gönnen - auf seine ganz eigene, zum Reisenden selbst individuell passende Art und Weise. Der Mehrwert den Reisen mit sich bringen, ist unbezahlbar.

 

Als Verfasser dieses Reiseberichtes ist es meiner Meinung nach wichtig, die Hintergründe zu den Reisenden etwas zu beleuchten, um die Gründe und Bedingungen für einen solchen Trip für Sie als Leser besser verständlich zu machen.

Seit Juli 2017 bin ich mit meiner langjährigen Liebe endlich verheiratet. Hằng Nga (29), geboren und bis zu ihrem 14-ten Lebensjahr in Vietnam aufgewachsen, ist ein herzensguter Mensch mit sehr ausgeprägter traditionell vietnamesischer Lebenseinstellung. Seit unserem Kennenlernen vor fast 7 Jahren harmonieren wir miteinander, anfangs jedoch noch ohne das Wissen Ihrer Eltern und zwei Schwestern (Van Anh und Hang), die ebenfalls in Magdeburg leben. Da die Elterngeneration noch sehr altmodisch geprägt ist und eine deutsch-vietnamesische Liebesbeziehung aus ihrer Sicht zu dieser Zeit noch unvorstellbar war, lernten wir uns zunächst in Zweisamkeit kennen. Erst in unserem dritten Beziehungsjahr entschlossen wir uns, mich ihren Eltern vorzustellen. Diese ahnten selbstverständlich schon lang zuvor was ihnen blühte, so dass sie nicht direkt aus allen Wolken fielen. Das Verhältnis war von da an bereits sehr liebevoll, wenn auch von Vorsicht und Zweifeln geprägt. Verständlich, war es auch für die Eltern, genauso wie für Nga und mich ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Mit den Jahren und dem respektvollen Umgang miteinander, dem sichtlich guten Einfluss aufeinander und spätestens mit der ernst gemeinten Bitte meinerseits um die Hand ihrer Tochter, wurde das Familiengefühl peu à peu inniger und gefestigter.

 

Mit der Eheschließung öffneten wir für uns, als auch für unsere beiden Familien ein neues, multikulturelles Kapitel, in dem man viel voneinander lernen konnte. Die Fürsorge innerhalb der vietnamesischen Kultur ist allgegenwärtig, so auch innerhalb der Familie. Ein Charakterzug den ich von Anfang an an meiner Frau bewunderte. Nicht, dass es innerhalb meiner deutschen Familienseite keine Liebe und Achtung gäbe, bitte verstehen Sie mich da nicht falsch, der Umgang mit der Familie ist jedoch von Grund auf etwas distanzierter und Ich-bezogener, verglichen mit der vietnamesischen Seite.

 

Dieser kleine aber feine Unterschied machte mir die Reise in die alte Heimat meiner Frau von Anfang an etwas leichter. Für mich war dies bereits der zweite Vietnam-Aufenthalt. Bevor ich meine wahre Liebe in Nga fand, führte ich bereits eine langjährige Beziehung mit einer Vietnamesin und hatte daher das zwischenzeitliche Vergnügen 3 Wochen im Süden des Landes verbringen zu können. Die Kultur, das Essen und das Leben im Kreise von Vietnamesen ist mir also nun seit über 12 Jahren bekannt. Seiner Zeit, im Oktober 2009, war es für mich ein Schritt in eine völlig fremde Welt. Viele der Dinge die mir heute als normal erscheinen, waren damals neu für mich, angefangen bei der Esskultur bis hin zur allgemeinen Lebenssituation der Vietnamesen. Auch bei dieser ersten Reise bewegte ich mich viel im Kreise der Familie meiner Begleiterin, so dass ich nicht nur die Einblicke eines Touristen erlangte, sondern auch vom realen Alltagsleben zehren konnte – mit allen Vor- und Nachteilen.

 

Das Leben in Vietnam ist sicher kein leichtes. Das Land hat viele Rückschläge und Eingriffe von Außen über sich ergehen lassen und musste viel einstecken. Da ich auf meinen Reisen auch immer ein Stück weit über das Land selbst lernen möchte, beschäftigt mich hier natürlich auch die Geschichte. Wer an dieser Stelle wenig daran interessiert ist, einen kleinen Auszug über die Vergangenheit Vietnams zu lernen, darf den folgenden Passus gern überspringen.

 

Im 19. Jahrhundert kam Vietnam nach und nach als Teil von Französisch-Indochina unter französische Kolonialherrschaft. Während des Zweiten Weltkrieges besetzte Japan die Region und provozierte so einen mehrjährigen Krieg mit Frankreich um die Wiederherstellung der Kolonialherrschaft. Für Frankreich eine verlorene Schlacht, die zur Folge hatte, dass Vietnam 1954 in das sozialistische Nordvietnam (Hauptstadt Hanoi) und das von den Westmächten unterstützte Südvietnam (Hauptstadt Saigon) geteilt wurde. 1976 wurden die beiden Staaten nach dem Vietnamkrieg unter kommunistischer Führung wiedervereinigt. Hanoi wurde 1976 Hauptstadt des wiedervereinigten Vietnams, größte Stadt nach Einwohnern ist jedoch Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon). Die Trennung zwischen Nord und Süd ist bist heute in den Köpfen nicht ganz aufgehoben. Ähnlich der deutschen Teilung in Ost und West wiegen Geschehnisse der Vergangenheit die aktuellen Entwicklungen nicht zu 100% auf.

 

Das diese schwerwiegende Vergangenheit ein liebendes Herz nicht zerstören kann zeigt die durchweg positive Lebenseinstellung der meisten Vietnamesen. Neben üblichen Alltagsproblemen und zum Teil harten Arbeitsbedingungen, versteht man es sein Leben zu genießen und sich von der Arbeit nicht überollen zu lassen. Freunde und Familie sind ein wichtiger Bestandteil der Freizeit und Erholung, eine Art des vietnamesischen Lebensgefühls, dass ich nun auch in Deutschland mit offenen Armen begrüßen kann.

Mit der für mich nun zweiten Reise, dieses Mal in das Gebiet der „nördlichen Reisschale“(*), wollten wir in erster Linie das Land für uns entdecken. Während wir Onkels, Tanten, Cousins und Cousinen rund um die Heimat meiner Frau besuchen wollten um den „neuen Sohn“ (mich) im Kreise der Familie willkommen zu heißen, schaufelten wir uns auch immer genügend Zeit für Entdeckungstouren zu zweit frei. So schafften wir es einen ausgewogenen Urlaub zwischen Familie und Tourismus zu realisieren. Wie sich dieser im Verlauf der einzelnen Tage gestaltete möchte ich in den folgenden Kapiteln nacherzählen und hoffe Ihnen als Leser mein geliebtes „Vietnam“ näher zu bringen. Vielleicht bewegt es ja den Ein oder Anderen zur Überlegung sich selbst einmal der Herausforderung zu stellen. Für all Denjenigen steht meine Tür immer offen.


*Hättest du es gewusst?

Vietnams Fläche entspricht ungefähr 93% jener Deutschlands. Das Land umfasst die weiten Ebenen der Flussdeltas von Rotem Fluss und Mekong, die gesamte östliche Festlandküste Südostasiens sowie die langen Gebirgszüge und Hochebenen des Hinterlandes. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt etwa 1650 km, die Ost-West-Breite bis zu 600 km, während die schmalste Stelle in Mittelvietnam nur 50 km breit ist.


Die Geographie Vietnams wird daher auch als „Bambusstange mit zwei Reisschalen“ beschrieben: Im Norden und Süden liegen zwei fruchtbare reisliefernde Flussdeltas, dazwischen als Verbindung ein schmales, eher karges, von Wald und Gebirge geprägtes Gebiet.



KAPITEL 1 /// ANREISE

Zum Antritt unserer Reise gibt es vorweg noch zwei drei Fakten zu erzählen, bevor wir so richtig in die Welt Vietnams abtauchen können.

 

Punkt 1 ist: Das letzte Wort hat die Familie.

 

Unser Plan, ein paar Tage mal eben bei der Verwandtschaft vorbei zu schauen wurde kurz vor unserer Abreise noch einmal gehörig aufgemischt. Meine lieben Schwiegereltern hatten da noch eine kleine „Überraschung“ in petto. Man plante recht spontan, circa eine Woche vor Reisebeginn, dass es doch noch eine kleine Hochzeitsfeier in Vietnam geben solle. Aus einem recht traurigen Vorfall, dem Tod eines geliebten Familienmitgliedes seitens meines vietnamesischen Schwagers Hoan (der Ehemann Nga's älterer Schwester Hang), sah sich die komplette Familie in der Situation zur Trauerfeier und Beisetzung vor Ort sein zu wollen. Die Familie meines Schwagers stammt ursprünglich aus dem Norden Vietnams, lebt aber seit Langem im Süden, direkt in Ho-Chi-Minh-Stadt. Um noch einmal den starken Familienzusammenhalt in der vietnamesischen Kultur zu unterstreichen ist zu erwähnen, dass eine so aufwendige Reise wie die von Deutschland nach Vietnam nicht ohne einen Besuch bei der Familie einher geht, ganz egal wo diese im Land leben mag.

 

So war schnell klar, dass auch die lieben Schwiegereltern, die ihren alten Wohnsitz im Norden halten, nach der Trauerfeier noch einmal in die nördliche Heimat reisen würden. Sie mussten dann wohl gedacht haben, dass es doch ganz schön wäre, diesen Umstand ins Positive zu verkehren und mobilisierten kurzerhand die ganze Familie vor Ort zum spontanen Hochzeitsumtrunk.

 

Diese Botschaft so kurz vor der Abreise mussten selbst meine Frau erst einmal verdauen. Wir machten uns zunächst Sorgen um den Aufwand der dort auf uns zukommen könnte. Glücklicherweise wurde uns jede Last genommen. Vor Ort kümmerte sich die ganze Familie um die Planung und Organisation der Festivitäten. Es sollte keine Zeremonie statt finden (ein Glück... typisch deutsch wie ich bin, hatte ich mich zur gleichen Zeit bereits im Internet darüber informiert, was so eine traditionell vietnamesische Hochzeit auf dem Land mit sich bringen würde.), nur ein gemeinsames Essen mit den geladenen Gästen. Ein Glück für mich, der ja kein Wort vietnamesisch versteht und vor Ort der eigenen Zeremonie kaum hätte folgen können, wenn gleich es mich schon interessiert hätte so eine Feier einmal mitzuerleben.

 

Genug aber an der Stelle. Ich komme im Laufe der Erzählung noch ausführlich zu den Tagen (ja, es wurden dann zwei Tage!!!) der Hochzeitsfeier.

 

Starten wir doch zunächst einmal durch. Wir befinden uns am Flughafen Berlin Schönefeld und warten geduldig auf unseren Abflug zur Zwischenlandung in Moskau. Mein Vater war so nett uns zum Flughafen zu bringen, schließlich hatten wir so einiges für die liebe Familie vor Ort im Gepäck. Es galt 4 Koffer zusätzlich zum Handgepäck in den Flieger zu bekommen. Meine Frau hatte bereits lange im Vorfeld die passenden Aufmerksamkeiten und deutschen Produkte zusammengesammelt, die in Vietnam nur schwer oder gar nicht erhältlich waren und unseren Dank für die Unterstützung vor Ort zum Ausdruck bringen sollten. Meinerseits glaube ich noch bis heute, dass wir einfach nur Ziegelsteine mitgebracht hatten, angesichts der schweren Koffer die man(n) nun mit sich herumzerren durfte. Aber was tut man nicht alles für die liebe Familie ;)

 

 

Kaum zu fassen - Alkoholverbot in russischen Fliegern  und totgeglaubte Sitznachbarn.

 

 

Pünktlich nach Flugplan verlassen wir den deutschen Boden am frühen Nachmittag ostwärts mit Ziel Moskau. Im Vergleich zum Direktflug den ich seinerzeit bei meiner ersten Reise nach Vietnam wählte, hatte der Flug mit Umstieg etwas positiv kurzweiliges an sich. So lang alles nach Plan verläuft und das Gepäck den Umstieg ebenfalls mitmacht wie in unserem Fall, ist dies durchaus eine passable Art zu reisen. Im Flieger kam ich recht schnell mit Sergey ins Gespräch, meinem sichtlich nervösen Sitznachbarn mit russischer Abstammung. Ihn machte das in russischen Fluglinen (wir waren mit Aeroflot unterwegs) angewandte und strickt verfolgte Alkoholverbot etwas zu schaffen. Nicht etwa weil Sergey klischeehafter Pegeltrinker wäre, der seinen Liter Wodka zum Frühstück ausgelassen hatte – nein. Es war die uns allen bekannte und so menschliche Angst vor dem Fliegen selbst, die ihm zusetzte. Ein „Kurzer“ wäre ihm in diesem Moment sicher sehr gelegen gekommen, waren es doch nur ein paar Bier vor Abflug welche das mulmige Gefühl unterdrücken sollten. Es stellte sich heraus, dass er mit seinen jungen 30 Jahren bereits ein bewegtes Leben hinter sich hatte. Verheiratet, ein Kind von 2 Jahren und – bereits einmal gestorben. Ja Sie lesen richtig. Heute ist Sergey ein lebensfroher Mensch und verbringt sein Leben nur noch mit Reisen und seiner Familie. Eine Narbe am Hals ist das einzige Zeugnis eines schweren Autounfalls, der ihm sprichwörtlich das Genick brach. Nach diesem Schicksalstag hatte er sich geschworen, sich „A“ nicht mehr hinter das Steuer zu setzten und „B“ nur noch das zu machen, was ihn mit Freude erfüllte. Respekt für diese Einstellung und Dank an dieser Stelle für das gute Gespräch und einigen hilfreichen Tipps für den schnellen Transit in Moskau.

 

Die weitere Reise verlief soweit ohne spektakuläre Vorkommnisse. Der nächste Flieger fasste schon eine ganze Menge mehr Passagiere. Ein großer Langstreckenflieger, ebenfalls Teil der Aeroflot-te, bot recht guten Komfort und einem anständigen Unterhaltungsprogramm. Der Flug verging im Nu' und ehe wir uns versahen, landeten wir auf vietnamesischen Boden. Wir befinden uns in Hanoi, der Hauptstadt des Landes, wenn auch nur zweitgrößte Metropole. Ein herzlicher Empfang am Flughafen durch Schwiegerpapa's jüngeren Bruder Vững und An, dem Mann einer Cousine, läutete den Urlaub offiziell ein. Wir waren da und der Einstieg hätte besser nicht sein können. Das Wetter bei unserer Ankunft hielt sich noch bedeckt aber warm, so dass wir nicht sofort von der Wetterumstellung (bei Abreise in Deutschland hatten wir noch Temperaturen um den Gefrierpunkt) erschlagen wurden.

 

Raus aus der deutschen Kälte, rein in angenehm mild-vietnamesisches Frühsommerwetter

 

Während unserer Reisezeit im April belaufen sich die Temperaturen im gemäßigt-tropischen Wechselklima des Nordens durchschnittlich auf auf 25°C bei noch erträglicher Luftfeuchtigkeit. Für Sightseeing-Touristen also die beste Reisezeit. Der Süden bot zur gleichen Zeit bereits Temperaturen jenseits der 30°C und maximale Luftfeuchtigkeit. Ab Mai kann man im ganzen Land mit derartigen Temperaturen und mehr rechnen. Wer also aktiv Urlaub machen möchte, sollte die Sommermonate meiden. Man merke sich: Im Norden gibt es eine kühle Jahreszeit von November bis April und eine heiße von Mai bis Oktober. Der Süden ist tropisch - warm bis sehr heiß während des ganzen Jahres, etwas kühler von November bis Januar, heiß von Februar bis Mai und mit einer Regenzeit zwischen Mai und Oktober.

 

Zu Hause ist da wo das Herz ist - Thái Nguyên

 

Vom Flughafen kommend war unser erstes Ziel der neben Hanoi nächst kleinere Ort und zugleich Provinz . Mit etwas mehr als 300.000 Einwohnern keine so kleine Stadt. Touristen finden sich hier jedoch nicht, was mir bereits bei Ankunft im Ort bewusst wurde. Kaum hatte ich ein Bein aus dem Fahrzeug gesetzt wanderten die Blicke der umstehenden Vietnamesen spürbar in meine Richtung. Ein Zustand den ich so aber bereits aus meiner früheren Reise gewohnt war und mich nun nicht mehr wirklich schockierte. Die meisten Vietnamesen waren dabei sehr freundlich, grüßten und ließen sogar (für mich etwas befremdlich) zahlreiche Komplimente verlauten. So sollte es quasi ununterbrochen die nächsten drei Wochen weiter gehen. Unser erster Stopp in Thái Nguyên führte uns zum neu gebauten Haus meiner Schwiegereltern. Diese hatten sich in den letzten Jahren ein Haus bauen lassen, welches für den späteren Ruhestand bereit gemacht wurde. Von außen wirken die meisten Häuser nach vietnamesischer Architektur eher schlicht, teils ungepflegt oder gar verfallen. Da die Grundstückspreise trotz wesentlich geringerem Durchschnittseinkommen zum Teil über denen bei uns in Deutschland liegen, wird in den meisten Fällen auf kleinem Grund, jedoch weit in die Höhe gebaut. So entstehen teils skurrile Konstrukte die in ihrem improvisiertem und fragilen Äußeren unübertroffen sind. Aus Erfahrung hatte ich schon mit dem schlimmsten gerechnet, war aber angesichts des beeindruckend großzügig gebautem Elternhaus mehr als positiv überrascht. Einzig das Erklimmen der 4ten und 5ten Etage hatte schon sportlichen Charakter, so dass wir uns mit den ersten beiden Etagen begnügten.

Wie in jedem vietnamesischen Haushalt üblich begegnet man in einem der Räume stets einen Altar auf dem Gaben für die Verstorbenen nebst Blumen und Räucherstäbchen ruhen. Es ist ein Zeichen des Respekts und der Andacht bei Ankunft nach langer Abwesenheit ( oder zu besonderen Anlässen ) Räucherstäbchen zu entzünden und Gebete zu den Toten zu sprechen.

 

Nachdem dies erledigt war und wir unsere zahlreichen Koffer verstaut hatten, liefen wir die Straße hinunter um nur wenige Meter weiter bei Nga's Tante Hien, der Frau von Vững einzukehren. Diese erwartete uns bereits sehnsüchtig und ließ jeden Topf in der Küche glühen den sie finden konnte. Es war herrlich. Vom ersten Moment an fühlte auch ich mich willkommen. Ihr liebevolles Lachen und die offene Art ließen keinen Zweifel daran, dass wir uns als Familie begegneten und nicht als fremde Personen.

 

Neben der großen Auswahl an vietnamesischen Köstlichkeiten hatte Hien sich extra für mich ins Zeug gelegt und eine Art Currywurst gezaubert. Einfach klasse diese Frau! Während des Essens stößt eine weitere, etwas ältere Dame unvermittelt zur Tafelrunde. Nga's älteste Tante und Schwester meines Schwiegervaters Nhâm kam auf einen Happen hinzu. Ich schätze es war eher die Neugier die sie zu uns führte und die Sehnsucht nach ihrer lang vermissten Nga. Man sah ihr die Freude förmlich an. Am Tisch wurde viel gelacht und man war sichtlich erstaunt, dass ich keinerlei Berührungsängste mit den dargebotenen Speisen hatte. Auch meine jahrelange Erfahrung im Umgang mit Essstäbchen stieß auf Anerkennung, so dass man wohl schnell verstand, dass ich mich nicht erst seit gestern mit der asiatischen Kultur befasste.

 

Nach dem Essen gingen wir erst einmal zurück in unsere Unterkunft um etwas Ruhe zu finden. Die letzten Stunden steckten uns doch etwas in den Knochen. Nach einem kurzen Mittagsschläfchen begaben wir uns wieder zurück in Richtung Tante Hien, gingen nun aber in ein Haus von ihr gegenüber auf der anderen Straßenseite und standen direkt im Wohnzimmer der Großtante. Während ich bereits fleißig Tagebuch über unsere Reise führte, ließ ich Tante Nhâm und Nga etwas Zeit um sich auszutauschen. Schließlich hatten sie sich sehr lang nicht gesehen und viel nachzuholen. Während sie erzählten schälte Nga zu meiner Freude eine überraschend süße und sehr saftige Pomelo, die mir seitens der Tante so oft und eindringlich angeboten wurde, bis ich sie schließlich fast allein verzehrt hatte. Daneben sah ich mich einem weiteren Ritual gegenüber, welches einer Blasen- und Nierenkur gleich kam. Egal wo wir einkehrten wurde uns stets gastfreundschaftlich Tee angeboten, der kaum dass das Glas zur Neige ging unverzüglich nachgefüllt wurde. Bis mir klar wurde, dass ich das Glas einfach voll stehen lassen sollte um zu signalisieren, dass ich gesättigt bin, vergingen viel Zeit und zahllose Toiletten-Gänge. Soll ja gesund sein ;)


Nächste Station die Straße entlang war die Hautarzt-Praxis von Cousine . Ebenfalls in direkter Nachbarschaft und somit schnell erreicht saßen wir nun zwischen warten Kundinnen, spielenden Kindern und ihrem Ehemann An den ich bereits bei unserer Ankunft am Flughafen kennenlernen konnte. Es stellte sich heraus, dass er sehr gutes Englisch sprach, was es mir an diesem Tag das erste Mal ermöglichte mit jemandem ein richtiges Gespräch zu führen. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut, nicht nur verbal. Die lebensbejahende Art kombiniert mit einem herrlichen Dauerlächeln machte diese wie auch weitere Begegnungen unvergesslich. Er erzählte mir mehr über sich und seine Familie, auch über die Arbeit seiner Frau, auf die er sehr stolz zu sein schien. Gleich nach Feierabend wollte er uns und die ganze Familie zum Abendessen einladen.

 

Gemeinsam fuhren wir also in die Innenstadt um in einem recht unauffälligen Restaurant einzukehren. An versprach uns, dass es sich hierbei um das beste Meeresfrüchterestaurant der Stadt handelt. Ein Versprechen, dass er nicht gebrochen hatte. Ohne weiteres Zutun mit umständlichen Speisekarten wurden nach und nach Platten mit diversen Speisen auf Meeresfrüchte-Basis serviert. Ich kannte bis dahin schon vieles auf dem Gebiet der Meeresfrüchte, was wir aber an diesem Abend essen durften toppte glatt alles was ich bis dahin gegessen hatte. Muscheln in Ingwer-Zitronengras-Sud, Garnelen in Wasabimantel und Austern mit Erdnuss-Kräuter-Dressing sind nur drei von den zahlreichen Speisen die sich mir fest in den Kopf gebrannt hatten und mir noch heute das Wasser im Munde zusammen laufen lassen wenn ich nur daran denke.


Das Essen verlief so ganz anders als ich es aus Deutschland gewohnt war. Hierzulande kommt es gern vor, dass das Essen eher als Wettkampf gesehen wird bei dem es gilt schnellstmöglich fertig zu werden. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte in Deutschland bereits Restaurant-Besuche erlebt zu haben die binnen 45 Minuten vom Bestellen bis zur Rechnung durchgezogen wurden. Mehr als 90 Minuten sind es im Schnitt nie, die wir im Kreise der Familie gemeinsam am Tisch sitzen.

 

Man kommuniziert bei uns auch viel weniger miteinander während des Essens. Dies liegt wohl zum Einen an unserer recht trockenen deutschen Art, aber auch an der Art und Weise wie das Essen serviert wird. Jeder hat seinen Teller mit allem was es braucht und das war es dann auch. Zu fast allen Gesellschaften am Essenstisch steht eine Vielzahl unterschiedlichster Zutaten bereit, die es gemeinsam zu kombinieren und zu essen gilt. So entsteht ganz von allein ein reges Treiben rund um den Tisch, was mir sehr amüsant und kommunikativ vorkam.

Neben dem Essen ist es außerdem üblich mit Alkohol anzustoßen. Oftmals betrifft dies nur die Herren der Runde, in diesem Falle beteiligten sich überraschenderweise alle Personen am Tisch – auch die jüngsten Damen im zarten Alter von 16. An schenkte in kleinen Schnapsgläsern sehr süßen und süffigen Rotwein aus. Für meine Frau und mich kein großes Problem, sind wir doch durch meinen Schwiegervater eher hochprozentigen Reisschnaps gewohnt. Die Stimmung wurde dadurch ganz von allein noch viel lockerer und vertrauter.

 

Nach dem Essen ging es noch in eine nahe gelegene Bar auf einen kleinen Absacker, bevor es dann zu später Stunde zurück ins Elternhaus ging. Einschlafen war ab diesem Moment selbstredend kein Problem mehr und von der Zeitumstellung um 6 Stunden war nichts mehr zu spüren.


Im Wesentlichen verfasse ich diese Zeilen um mir selbst in einigen Jahren die Erinnerung an diese besonderen Tage zurückzuholen. Wenn es aber auch bei Ihnen auf Zuspruch trifft, würde ich mich über Fragen, Anregungen und regen Gedankenaustausch in den Kommentaren sehr freuen.



Dies soll es soweit für den ersten Teil gewesen sein. Schon bald folgt das nächste Kapitel, welches uns in die eher touristenfernen Regionen Thái Nguyên & Vĩnh Phúc führt, unter anderen an einen der heiligsten Orte Vietnams.

 

Also, dran bleiben! Bis zum nächsten Mal.

Beste Grüße, Euer Micha


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Hanna (Montag, 28 Mai 2018 22:11)

    Das war sehr interessant zu lesen aber schöner ist es natürlich selbst zu erleben :*

  • #2

    Hoanito (Freitag, 01 Juni 2018 22:51)

    Das ist ja eine tolle Erinnerungen für dich Hanna! Die wir Dir mehr Kraft geben, um die schlechte Hindernis zu überspringen! Ich hoffe es dir bald wieder gut geht und ihr beide wird gleich mehrere wunderbaren Gesichte erzählen ;)